Mittwoch, November 30, 2005

Monatsberichte September - November 05

Der September ist vergangen, der blöde Oktober auch ... obwohl ich gar keinen Septemberbericht geschrieben habe. Der hat sich wohl gedacht ‚ach was soll’s, ich vergehe jetzt weil bis der Florian sein komisches Zentrum da im Griff hat, bin ich längst wieder da!’ ... ???
Auch der November hat sich nicht lumpen lassen und schreitet voran als gäbe es keine Monatsberichte aus Tarrafal.

Ganz schockiert bin ich ob der vielen Mails die ich wegen dem Ausbleiben der Monatsberichte bekommen habe ... Da glauben doch tatsächlich Einige ich hätte sie aus dem Verteiler geschmissen, andere sind überzeugt das Projekt ist endgültig gescheitert ... nein, nein. Nichts von dem ist wahr. Erstens fliegt bei mir prinzipiell niemanden aus irgendwelchen Verteilern, da verteile ich eher noch Schmeissfliegen und zweitens scheitert Vieles im Leben, aber doch nicht Projektleiterchen!!!!??? Nicht umsonst habe ich ja den Beruf des Projektleiters an den Nagel gehängt und mich zum Leiterchen umfunktioniert. Dieses ‚chen’ schützt nämlich ganz ungeheuerlich vor Scheiterungen ... wie das genau geht erkläre ich ein andermal. Es sei nur verraten, dass es sehr viel mit Demut zu tun hat! ... Und überhaupt wäre die Welt viel besser wenn es mehr ‚chen’ gäbe. Das Bankdirektörchen würde mit seinem Zinsblödsinn aufhören. Das Bundeskänzlerchen fände Zugang zu Ehrlichkeit. Andere würden sich, anstatt zu bushen, hinter Büschchen verstecken ...

Aber ich sollte anfangen zu berichten.

Als der September Anfang September angefangen hat (wobei man sich darüber streiten könnte wann genau die Monate anfangen?!) war das Zentrum noch eine Baustelle ... und schon kommt mir diese Zeit lange vergangen vor. Die Zeit als ich um 6 Uhr aufgestanden bin, schnell ein paar Mails geschrieben habe vonwegen ‚ich habe jetzt keine Zeit zu antworten weil ich bauen muss’ und mich auf die Baustelle gequält habe um dort zu koordinieren, zu installieren, zu schimpfieren zu antreibieren ... bis mich gar niemand mehr gern gehabt hat.
Die Ehefrau nicht weil ich von früh bis spät auf der Baustelle war und wenn ich dann endlich nach Hause gekommen bin war sie todunglücklich wenn ich sie aufgeweckt habe um ihr mitzuteilen ich halte das alles nicht mehr aus und ich wolle jetzt endlich wissen welcher dumme Hund mir eingeredet habe ich könne Zentren bauen ...
Der Architekt hat mich überhaupt schon lange vor September für projektleitungsunfähig erklärt und seiner Frau der Projektdokumentatorin beigepflichtet die überzeugt war/ist ich sei ein kleiner Hitler ...

Aber abgesehen von ‚Projektleiter gern haben oder nicht’ es ging Anfang September hauptsächlich darum das Kinder- und Jugendzentrum fertig zu bauen. Schliesslich sollte ja am 8. Oktober Eröffnung sein.Irgendwie war ich immer der Meinung, dass spätestens ein paar Wochen vor Eröffnung alle ganz kräftig am Fertigstellungsstrang ziehen werden. Daher auch mein Anfang September noch durchaus optimistischer Optimismus das Ziel zu erreichen. Spätestens ab Mitte September war mein Optimismus allerdings eher pessimistisch.

Hauptsächlich weil ich vergeblich darauf gewartet habe, dass alle – von Projekt- über Bauleitung bis zum letzten Bauarbeiter – nochmals die letzten Kräfte mobilisieren und das Ding fertig bauen ...Viel habe ich von allen Seiten gehört, dass gegen Ende eines derartigen Projektes der Stress enorm wird, dass Wochenende und Feierabende entfallen ... aber bis zum Schluss waren es an Sonntagen und Abends ab 18 Uhr ausschliesslich Marisa und ich die auf der Baustelle anzutreffen waren ... nein, am Wochenende immer auch Elton, Natalina und Idalena ... wobei vor allem Ida ganz vorzüglich geholfen hat. Auch wenn sie während der Arbeit ständig Schuhe an und ausziehen musste. Keine Ahnung warum?! Also ich konnte diesen Drang eigentlich die gesamte Bauzeit hindurch unterdrücken?! Aber sie ist halt noch klein ...Tatsächlich ist es aber so, dass ich an diesen letzten Monat Bau wirklich nicht gerne zurückdenke. Sicher auch ein Grund warum ich den Bericht so verspätet verfasse.

Je weiter der Monat fortgeschritten ist umso mehr Abstriche mussten wir von dem Ziel ‚Baufertigstellung’ machen. Und es war mir immer klar, dass es ganz mühsam werden wird wenn wir am 8. Oktober eröffnen, die Ausbildungen anfangen und wir noch ‚so nebenbei’ den Bau fertig stellen müssen.Der gescheite Florian hat mit dieser Sorge leider auch vollkommen recht gehabt. Der Oktober war ein mühsamer, ‚stotternder’ Monat ... und der November verspricht auch keine Verbesserung.

Mir bleibt tatsächlich nur noch die Hoffnung auf das Christkind. Allerdings kommt das jetzt auch schon 2005 Jahre lang irrsinnig regelmässig ohne dass sich Kinderzentren problemlos bauen lassen. So wirklich restlos mühsam ist der September geworden als der Herr Direktor der Elektra den Plan des Kinder- und Jugendzentrums betreten hat.Nachdem ich seit Anfang Jänner vergeblich versucht habe den lieben Mann dazu zu bringen doch mal die Baustelle zu besuchen um sich ein Bild der Situation machen zu können, hat er eine Woche vor Eröffnung endlich Zeit gefunden mir seine grandiosen Ideen kundzutun.

Delta Cultura müsse lächerliche 30.000 € hinblättern und schon wäre die portugiesische Ausbeuterfirma bereit dem Zentrum einen permanenten Stromanschluss zu beschaffen. Unmöglich sei es allerdings bis zur Eröffnung am 8. Oktober Strom zu liefern.Ach, was habe ich mich gefreut. Das waren genau die Nachrichten die ich mir eine Woche vor Eröffnung erhofft hatte. In stürmischer Leidenschaft bin ich dem Herrn Direktor um den Hals gefallen, hätte ihn auch sofort abgebusselt wenn ich mir nicht schon lange geschworen hätte Portugiesen ganz prinzipiell nie mehr zu busseln. Natürlich war ich nicht wirklich in der Lage dem Herrn Direktor seine Vorgaben widerspruchslos zu akzeptieren. Natürlich hat es ‚Delta Cultura’ nie in Betracht gezogen für den Stromanschluss tatsächlich 30.000 € zu bezahlen. Wie denn auch? Für solche Blödheiten ist wirklich kein Geld da. Natürlich hat sich ‚Delta Cultura’ auf die Suche nach Hebeln begeben.

Wir haben auch Einige gefunden, aber kaum einer lies sich in Bewegung setzen. Der Bürgermeister, der uns bei der Landvergabe noch grossartig erklärt hat das Zentrum werde bis Baufertigstellung Telefon- Wasser- und Stromanschluss haben, hat auf unseren Hinweis, dass wir weder Telefon- noch Wasser- noch Stromanschluss haben mit einem besorgten Gesicht und dem Ausbruch einer kleinen Schweissperle reagiert. Aber als Meister im Delegieren hat er sofort einen Ausweg gefunden. ‚Delta Cultura’ müsse das halt irgendwie bezahlen! ... Schon wieder ist mir das Busserlunterdrücken verdammt schwer gefallen!?

Um die Stromsituation in Cabo Verde genau zu verstehen ist ein zweijähriges Studium der Korruptionswissenschaften notwendig. Ich fange also erst gar nicht an das zu erklären. Ausserdem verstehe ich es selber nicht ganz ... (das muss ich ja jetzt sagen, sonst glaubt noch jemand ich hätte Korruption studiert?!)

Gelöst hat sich das Stromproblem bis heute nicht. Es ist uns aber gelungen für die Eröffnung einen provisorischen Stromanschluss zu bekommen (am Tag vor der Eröffnung wurde er verlegt, eine Stunde vor Eröffnung hat die Hälfte der Lampen und Steckdosen funktioniert!).
Gelungen ist dies Dank der Hilfe von Filomena, Chefredakteurin der Wochenzeitschrift ‚A Semana’. Sie und die Ex-Managerin von Mario Lucio, mit der wir seit dem legendären Baustellenfest in gutem Kontakt stehen, haben beweglichere Hebel gefunden als wir, waren auch sofort bereit die Geschichte vom ‚Zentrum und der Elektra’ in der Zeitung zu veröffentlichen und so haben wir zumindest ein Provisorium bekommen.
Warum das Provisorium provisorisch ist weiss ich nicht. Es hätte am 7. November auch entfernt werden sollen ... aber der Strom fliest immer noch. Wie mir ein Angestellter der Elektra versichert hat auch deshalb weil die Elektra inzwischen mehr Angst vor mir hat als ich vor ihnen ... ??!!
Was die Strommacher auf alle Fälle wollen ist, dass das Zentrum seinen eigenen Transformator kauft. Das macht die Sache auch so teuer. Laut Kostenvoranschlag den ich nach 34 Telefonanrufen endlich bekommen habe kostet das Ding ca. 15.000 €. Und dann noch die Strommasten und das Kabel ... dafür fehlt noch der Kostenvoranschlag.

Nach all den Aufregungen und Anstrengungen, dem vielen Hin- und Her und diesem unglaublichem Zeitaufwand nur um den blöden Strom ins Zentrum zu bekommen, stehe ich der Sache inzwischen etwas gelassener gegenüber. Ich bin einfach an den Punkt gekommen an dem ich gesagt habe ‚ich kann dieses Problem nicht lösen, ich will es auch nicht lösen weil ich nicht einsehe dass Delta Cultura 30.000 € zahlen muss’.
Das ist also wirklich nicht unsere Aufgabe und ich habe sie ganz eindeutig an die Zuständigen weitergegeben. Der Premierminister persönlich hat das Zentrum ein paar Wochen nach der Eröffnung besucht und ich habe diese Gelegenheit dazu genutzt ihm klipp und klar zu sagen, dass weder ich noch Delta noch das deutsche Ministerium in der Lage bzw. gewillt sind die Kosten für einen permanenten Stromanschluss zu tragen. Und sollte die Elektra den Strom abdrehen, dann gäbe es im Zentrum eben keine Ausbildungen mehr.
So habe ich jetzt eine Zusage der Regierung, dass sie die Kosten übernehmen werden ... ich solle mit der Elektra verhandeln dass diese uns den provisorischen Anschluss so lange lassen wie benötigt und sobald ich alle Kostenvoranschläge habe muss ich diese an den Premierminister schicken ... und bla bla bla ... ob das dann wirklich so einfach wird das werden wir ja sehen.

So und damit genug von dieser leidigen Geschichte. Ich kann sie schon nicht mehr hören, geschweige den schreiben ...
Auch weil diese Episode leider nicht die einzig Unerfreuliche ist, die mich seit September beharrlich begleitet. Da gab es zum Beispiel viel Streit und nervenzerfetzende Diskussionen mit diversen Kooperationspartnern, eine nach dem Besuch von Sophia (Projektbetreuerin des ASB) notwendig gewordene Umstellung der Buchhaltung, den fehlenden Telefonanschluss wegen dem ich derzeit ständig zwischen Büro und zu Hause hin- und herpendeln muss ... und eine Projektleiterchenstimmung die auf Grund dieser Gegebenheiten auch wie verrückt pendelt.
Das stösst vielerorts auf Unverständnis:
Schliesslich haben wir ja doch so Einiges erreicht in den letzten Monaten. Das Zentrum ist erbaut, die Ausbildungen laufen, Strom fliest ...
... aber das blöde Projektleiterchen will nicht und nicht in Hochstimmung kommen, weigert sich rührselig zu beglückwünschen, fällt um keine Hälse (ausgenommen portugiesische Direktörchenhälse), meckert mit halbverdorrten Schafen um die Wette und will nicht und nicht einsehen, dass man sich so also wirklich keine Freunde macht.
Ich kann dazu nur sagen: verdammt!!! Jetzt arbeite ich seit 3 Jahren daran endlich als der gute Florian dazustehen der sich aufopfernd um die armen Kinder in Afrika kümmert und was kommt dabei heraus? Ein kleiner projektleitungsunfähiger Hitler der seine Familie vernachlässigt, seine Frau mitten in der Nacht nach blöden Hunden fragt und europäische Geldgeber mit blöden Sprüchen in die Flucht schlägt.
So geht es also auch nicht ... ich sollte einmal meinen Psychenkater fragen ob ich ein Problem mit meinem Image habe? Aber der ist ja auch mehr damit beschäftigt Mäuse zu kriegen und beantwortet derartige Fragen meist unzureichend.

Hilfe, ich schweife ab.

Also ganz ehrlich, ich kann schon verstehen, dass jemand der mich und das Projekt nicht kennt, nach der Lektüre dieser Monatsberichte so seine Bedenken bekommt ob Delta Cultura überhaupt förderungswürdig ist?!
So ist mir schon von verschiedenen Seiten ans Herz gelegt worden doch entweder gar nicht oder etwas sachlicher zu berichten ... von anderen Seiten wiederum werde ich gebeten doch gleich das nächste Zentrum zu bauen damit die Monatsberichte nicht ausbleiben ... ein Projektleiterchendilemma.
Natürlich will ich in keiner Weise Kooperationspartner abschrecken, Spender verkraulen oder durch heftiges Kopfschütteln herbeigeführtes Kopfweh verursachen.
‚Zu meiner Verteidigung’ sei gesagt, dass diese Berichte nie etwas anderes als die Wahrheit schildern. Wenn auch manchmal etwas drastisch-sarkastisch formuliert und natürlich immer aus meiner subjektiven Sicht ... aber ich bin nun mal ein Subjekt und kein Objekt??!!
Der/die/das Einzige der/die/das wirklich und vollkommen sachlich berichten kann ist die Sache selbst. Und diesbezüglich steht ‚Delta Cultura’ ja nicht so schlecht da. Mitte 2002 gab es da nur einen Projektleiter und sonst gar nichts. Durch dessen Mutation zum ‚chen’ steht heute ein Kinder- und Jugendzentrum in Tarrafal, der Fussballweltmeistertitel 2014 ist Cabo Verde so gut wie sicher ...
Was ‚hinter’ dieser Sache steckt, was hinter den Natursteinmauern des Zentrums vor sich geht, die Anstrengungen, Siege und Niederlagen die das Projekt zu dem gemacht haben was es heute ist, darüber lässt sich wohl nur subjektiv berichten. Da hat jeder Erzähler die Möglichkeit Dinge zu verschweigen, hinzuzufügen, schönzufärben, schwarz-weiss zu malen ...
Was ich mit diesen Berichten auf alle Fälle versuche ist, diese Hintergründe, seien sie erfreulich oder nicht, zu erzählen. Ich habe nichts zu verbergen.
... Und immer wenn ich besonders gescheit daherschreiben will kommt der grösste Blödsinn heraus ...

Also erzähl ich lieber eine Sache.
Ich habe ja noch nicht einmal alle wichtigen Ereignisse des Septembers erzählt. Da waren ja noch die Ankunft des lieben Beat Clerc, auch die zwei Container mit der Ausstattung des Zentrums sind noch vor der Eröffnung angekommen.
Beat Clerc mit der Absicht sich für 3 Monate ein Bild des Projekts und des Lebens in Tarrafal zu machen um seine Entscheidung, ob sein zukünftiges Leben in Worb oder in Tarrafal stattfinden soll, treffsicherere treffen zu können.
Die Ausstattung des Zentrums hatte diese Entscheidungsschwierigkeiten nicht. Sie kam bereits mit der Absicht ihr restliches Leben in Tarrafal zu verbringen!
Zwei ganz grosse Dankeschön (Dankeschöns? Dankeschöne?) sind an dieser Stelle fällig:
Einmal an Beat Clerc und seine ‚bd sport activen’ für all das Material dass sie in der Schweiz gesammelt haben und für die Übernahme sämtlicher Transportkosten bis Tarrafal. Natürlich gilt der Dank auch all den Spendern des Materials!
Das zweite und genauso herzliche Dankeschön gilt all den Verantwortlichen des grossen Containers der uns aus Deutschland erreicht hat. All den Spendern und all den lieben Menschen die gesammelt, koordiniert und versendet haben.
Das gesamte Material ist inzwischen in Verwendung. Die Nähmaschinen nähen, die Computer computern, die Strumpfhosen strumpfen, die Stoffe stoffen, das Werkzeug werkt, die Scheren scheren, die Bleistifte stiften, die Overalls overallen, die Schuhe schuhen, die Notzizblöcke blöken ...
Vieles haben wir an Bedürftige verteilen können. Das Schulmaterial, die warme Kleidung (die Batucumädchen haben sie in den Dörfern der umliegenden Berge verteilt) und auch viele, viele T-Shirts und Unterhosen sind heute in Tarrafal im Umlauf.

Die Ankunft der Container war sicherlich ein Höhepunkt des Septembers und hat uns (sogar mich kurzfristig!!!), trotz der Hektik die in den letzten Wochen vor der Eröffnung geherrscht hat, jubeln lassen und uns in Erinnerung gerufen warum wir das Alles machen ...

Und dann war sie plötzlich da ... die Eröffnung. Sie hat tatsächlich am 8. Oktober stattgefunden. Habe eigentlich in keiner Phase, bei keinen Schwierigkeiten die aufgetaucht sind (auch beim Stromproblem nicht), daran gezweifelt dass wir den Termin einhalten können. Meine bis zuletzt – sogar bis heute – grossen Zweifel haben nur die Sinnhaftigkeit betroffen.
Ich habe mich bis in der Nacht vor der Eröffnung gefragt ob ich überhaupt ein Zentrum dass keinen ordentlichen Stromanschluss, keinen Telefonanschluss und damals noch kein funktionierendes Wasser- und Abwassersystem gehabt hat, das in einigen wichtigen Details noch nicht fertig ist (Dächer undicht, keine Fensterläden die vor Einbruch schützen, etc.) überhaupt eröffnen will. Oder anders gefragt ob es zielführend ist. Und das Ziel war und ist es ja in dem Zentrum gute fundierte Ausbildungen anzubieten.
Ich glaube ich kann diese Frage heute so beantworten: für das Projekt, für die Kinder- und Jugendlichen die hier ihre Ausbildung bekommen war es ganz bestimmt richtig. Für mich persönlich war und ist es eine mittlere Katastrophe.
Viel von meiner Kraft habe ich in den letzten Wochen Bau verbraucht. Ich habe seit der Eröffnung noch kaum eine Verschnaufpause gehabt. Dabei verschnauf ich doch so gern. Inzwischen frage ich mich schon was ‚verschnaufen’ eigentlich ist? Ich kann mich gerade noch erinnern was schnaufen ist! Das versuche ich auch jeden Tag ganz regelmässig zu machen! Aber ver-schnaufen??
Vielleicht ist es eh ein Blödsinn zu verschnaufen. Schlucken zum Beispiel ist ja auch was fantastisches, aber ver-schlucken? Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass man in Pausen ver-schnaufen soll? Das ist ja erst wieder anstrengend.
Kurz gesagt: ich habe durch die Eröffnung des ‚Kinder- und Jugendzentrums’ etwas ganz Wesentliches gelernt: ich will mich in Zukunft in meinen Pausen weder verschlucken noch verhören, versehen, vertasten oder verschnaufen!!! Da lege ich lieber zusätzliche Verschluck- Verhör- Verseh- Vertast und Verschnaufpausen ein!
Aber ganz wirklich: seit der Eröffnung des Zentrums bin ich noch nicht einmal dazu gekommen mich mal so ganz ordentlich zu verschlucken. Schon am Tag nach der Eröffnung habe ich um 10 Uhr vormittags einen Termin gehabt ... und so geht es seitdem dahin.
Daher also auch der fehlende Jubel und die Erleichterung über die ‚gelungene’ Eröffnung von der ich jetzt aber endlich berichten werde.


Begonnen hat das grosse Fest am 8. Oktober um 15 Uhr. Viel Prominenz war angesagt und grossteils auch anwesend.Die caboverdeanische Erziehungsministerin, der Bürgermeister von Tarrafal und viele weitere Grössen der Gemeinde. Aus Europa Beat Clerc und die Projektbetreuerin des ASB, Sophia Hubert. Sehr gefehlt haben Vertreterinnen der anderen europäischen Unterstützervereine.Mir persönlich hat es auch sehr leid getan, dass keiner meiner Verwandten, Bekannten oder Freunde den Weg nach Tarrafal gefunden haben. Ich frage mich schön langsam was ich erbauen und eröffnen muss, damit mich jemand besuchen kommt?!Aber natürlich habe ich vollstes Verständnis. Es ist uns Menschen nun mal zu eigen im Glauben (oder in der Hoffnung?) zu leben unentbehrlich zu sein!?Der offizielle Teil der Eröffnung hat mit dem gewaltsamen Entfernen eines Tuches begonnen dass irgendein Idiot über ein Schild gehängt hat.Auf diesem stand/steht geschrieben, dass es sich bei der Anlage um ein ‚Kinder und Jugendzentrum’ handelt und dass dieses am 8. Oktober 2005 eröffnet hat. Ausserdem erwähnt es die Geldgeber.Sodann hat sich die erwähnte Erziehungsministerin eine Schere geschnappt um so eine blöde Schnur zu zerschneiden die irgendein Idiot gespannt hat. Ich vermute ja stark dass es sich bei dem Tuchverhänger und Schnurspanner um das gleiche Scherzkeks gehandelt hat. Gott sei Dank hat er mit seinen dummen Scherzen nicht das ganze Fest vermasselt.Nein, Stopp! Diese Schilderung lässt ein ganz falsches Bild entstehen. Ich will diese Zeremonie in keiner Weise lächerlich machen. Im Gegenteil, ich bin ein grosser Liebhaber von symbolischen Handlungen und von deren Wirksamkeit überzeugt.Daher habe ich – gegen allerlei Widerstand – darauf bestanden dass João, eines der Strassenkinder Tarrafals, gemeinsam mit der Ministerin das Band durchschneidet! Es war ihm wahnsinnig peinlich und er hat sich überhaupt erst dazu bereiterklärt nachdem wir ihn für den Anlass neu eingekleidet haben. João ist jetzt auch einer der Schreinerlehrlinge.Auf Enthüllung und Zerschneidung folgten die grossen Ansprachen. Architekt, ‚chen’ und Ministerin haben erzählt was sie so toll an dem Projekt finden und wem Dank gebührt.Ein Teil der jetzt nicht unbedingt zu den Höhepunkten des Festes gezählt hat. Frank und ich haben in schlechtem creol viel zu kurz geredet, die Ministerin in fliesendem portugiesisch viel zu lang.Aufgelockert wurde die Sache nur von Mario Lucio, dem ‚Padrinho’ des Zentrums, der anstatt zu reden gesungen hat!‚Padrinho’ und ‚Madrinha’ das sind sozusagen die Paten des Zentrums. Etwas was hier eine sehr grosse Bedeutung hat und sehr ernst genommen wird. Eine Patin oder ein Pate, sei es bei der Taufe oder eben bei der Einweihung eines Zentrums ist sich seiner Verantwortung voll bewusst und nimmt diese auch wahr.Wir haben daher, strategisch sehr geschickt, die bereits erwähnte Filomena (Chefredakteurin der ‚A Semana’) und Mario Lucio zu den Paten des Zentrums ‚gemacht’. Nach den gar nicht so vielen Ansprachen kam es dann zum kulturellen Teil der Eröffnungsfeier und die Stimmung der Gäste war sehr bald schon einige Grad besser als noch bei dem offiziellen Teil.War aber auch kein Wunder bei dem Staraufgebot dass wir zu bieten hatten: Delta Cultura, Po de terra (die zwei besten Batucugruppen der Insel), auch eine Tanzgruppe aus Tarrafal hat ihren Beitrag geleistet ...Bevor es dann zum Höhepunkt des Abends kam wurde noch der Fussballplatz eingeweiht. Es gab lange Diskussionen im Vorfeld welche Mannschaft diese Ehre haben sollte. Wir haben uns sogar überlegt für jede Altersklasse ein Spiel zu organisieren. Dann hätte die Eröffnungsfeier aber schon um 6 Uhr Früh anfangen müssen ... so haben sich die Kleinsten durchgesetzt. Es gab ein Spiel gegen die U10 aus dem Nachbarort Chao Bom. Das Ergebnis dieses Spieles habe ich vergessen. Aber bei der U10 ist das auch noch nicht so wichtig. Schon gar nicht bei der Eröffnung.Beeindruckend und für die Kinder sicher ein Erlebnis war die Kulisse! So viele Zuschauer haben die Kleinen normalerweise nie!Natürlich gab bei dem Fest auch Speis und Trank. Speis kostenlos solange der Vorrat gereicht hat, Trank an der Zentrumsbar.Sodann kamen die wirklichen Stars des Abends zum Zug. Und es war phantastisch. Ein echtes Erlebnis. Ein absoluter Höhepunkt in meinem bisherigen Leben. Keine Frage!Die caboverdeanische Musik hat ja wirklich viel zu bieten. Und mit Mario Lucio, Vadu und Ferro Gaita haben wir 3 der derzeit besten Interpreten gehabt!So gerne ich die Musik von Mario Lucio und Vadu auch habe, ich habe trotzdem fast ausschliesslich Ferro Gaita entgegengefiebert.Es ist ja tatsächlich so, dass ich immer gesagt habe ‚wenn es mir denn gelingen sollte das Kinder- und Jugendzentrum Tarrafal zu bauen dann muss ‚Ferro Gaita’ bei der Eröffnung spielen’.Als es dann soweit war hat es mich tatsächlich gepackt! Zunächst habe ich noch ganz harmlos meiner Freude mit einem Tanz mit Marisa und Olga im oberen Stockwerk des Büros Ausdruck verliehen.Ich weiss gar nicht wer dann auf die glorreiche Idee gekommen ist den Tanz doch auf der Bühne fortzusetzen. In meiner Euphorie habe ich mich sogar dazu hinreissen lassen. Alle die mich kennen wissen, dass es nicht unbedingt mein grösstes Talent ist zu tanzen und dann auch noch vor so einem Publikum ... aber die Freude, die Euphorie war in dem Augenblick wirklich grösser als Antitalent und Scham. So haben Marisa, Frank, Uli und ich einen Tanz auf die Bühne gezaubert, dass das Publikum in nicht enden wollende standing ovations verfallen ist.Ich glaube die Starmusiker von Ferro Gaita waren die Einzigen die uns nicht ganz unglaublich gut gefunden haben?! Aber sie haben trotzdem weitergespielt. Dafür bin ich ihnen noch heute dankbar!

Unser Tanz hat sich dann für die Dauer des Konzerts noch von der Bühne durch den gesamten Innenhof des Zentrums verlegt. Kreuz und quer durch die Zuschauer. Zwischendurch wurde ich immer wieder mal von einer Gruppe von Jugendlichen ‚gepackt’ und auf Händen getragen und geschmissen ... wie ein siegreicher Fussballtrainer ... und es ist mir in diesem Moment auch wie ein Sieg erschienen!

Aus ganz unerfindlichen tiefdunklen Gründen hat das Leben manchmal in solchen ausgelassenen Momenten saudumme Ideen um einem alles zu vermasseln.
Leider ist es mir bei dieser Eröffnung so ergangen.
Schweissgebadet und erschöpft sind wir ins Bürogebäude zurückgekehrt. In den ersten Stock wo eigentlich nur geladene Gäste sein sollten. In der ‚Ferro Gaita Euphorie’ hat aber niemand darauf geachtet und es haben eine ganze Horde Buben das Büro ‚gestürmt’. Wohl einer von ihnen hat die Gelegenheit genutzt und meine Videokamera gestohlen.
Es hat mir im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen! Ich habe mich auf die Veranda gesetzt, habe den abwandernden Zuschauern hinterhergeschaut und habe tatsächlich mit den Tränen zu kämpfen gehabt.
Ich weiss das klingt lächerlich. Man könnte meinen es habe sich ja ‚nur’ um eine Videokamera gehandelt. Ich kann es auch nicht genau erklären warum mir dieser Diebstahl so extrem ‚eingefahren’ ist. Bis heute kann mir der Gedanke an diese Kamera die Stimmung restlos vermiesen.
Mir ist im Leben schon sehr viel gestohlen worden. Auch mindestens so wertvolle Dinge, aber noch nie hatte ich dieses Gefühl ... wenn dann Zorn ... ich kann es wirklich nicht erklären.
Nicht damit, dass die Kamera ein Geschenk meines Bruders war, nicht damit dass ich noch soviel damit vorgehabt habe (die Kamera war tatsächlich immer fixer Bestandteil meiner Überlegungen wenn ich an die Zukunft des Projekts gedacht habe), nicht damit dass einer die Frechheit hat mich in einem derartig grossartigen Moment zu bestehlen ...

Die Tage nach der Eröffnung war ich in einem ziemlich schwarzen Loch. So war es fast ein Geschenk des Himmels, dass gerade Sophia vom ASB da war. An ihr konnte ich ja schwer meinen Grant rauslassen. Macht keinen guten Eindruck!?
Und es tut mir von Herzen leid, dass es wie immer hauptsächlich Marisa, meine liebe Frau, war die die Abgründe und negativen Zukunftsprognosen des Projektleiterchens ertragen musste.
Ganz so extrem ist meine schlechte Stimmung seither natürlich nicht geblieben. Aber das Tief, sicher auch verursacht durch die viel zu viele Arbeit, habe ich noch nicht ‚überwunden’. So wirklich leicht geht mir derzeit kaum etwas von der Hand.
Ich weiss, dass ich mindestens eine Woche Urlaub bräuchte. Leider ist das derzeit aber nicht möglich. Ich bin unentbehrlich???!!!!

Die Woche nach der Eröffnung war natürlich hauptsächlich von der Organisation der verschiedenen Ausbildungen geprägt. Wie da sind: Schreiner- und Schneiderinnen täglich von 8 bis 16 Uhr. Informatik täglich von 18 bis 20 Uhr. Englisch- und Deutschunterricht zweimal wöchentlich von 18 bis 20 Uhr. Fussballschule und Batukugruppe wie eh und je.

Zu den einzelnen Ausbildungen und Angeboten:
Schreinerausbildung:
Da haben wir grosses Glück mit dem Ausbilder gehabt. Es ist ja generell so, dass wir keine grossartigen Gehälter zahlen können und es daher recht schwierig war ‚entsprechende’ Ausbilder zu finden. Für die Schreinerlehrlinge haben wir mit Paulo aber einen sehr geeigneten Mann gefunden. Ein zurückhaltender, ruhiger Typ, der eine offensichtlich sehr gute Ausbildung in einem Projekt in Praia bekommen hat (ein Projekt, dass es inzwischen nicht mehr gibt).
Seine Aufgabe ist ja nicht leicht. Die fünfzehn Lehrlinge die er hat sind in Alter und Ausbildungsstand sehr unterschiedlich. Ausserdem fast durchwegs die sogenannten Strassenkinder ... bekanntlich gehören die meist nicht zu der Gattung Mensch die sich gerne belehren lässt??!! Aber Paulo macht das wirklich sehr gut. Sie respektieren ihn auch ganz offensichtlich ... und das ist zunächst einmal das wichtigste. Sonst kommen sie ja einfach nicht mehr. Bis auf einen, der auffallend oft krank ist seit er Schreinerausbildung bekommt haben die Lehrlinge bisher keine Fehlstunden.
Schwierigkeiten macht eben auch der unterschiedliche Ausbildungsstand der Lehrlinge. Da gibt es zwei die weder schreiben noch lesen können und vier die es nur sehr schlecht können. Der Rest hat die Schulpflicht (bis 15 Jahre) absolviert und das entsprechende Wissen.
Paulo hatte am Anfang seine Bedenken ob das gehen würde. Gerade in den ersten Wochen besteht die Ausbildung ja hauptsächlich aus Theorie. Meine inständige Bitte es einmal zu versuchen hat er beherzigt und heute will er keinen seiner Lehrlinge mehr ‚hergeben’.
Ich befinde mich, was die Problematik des unterschiedlichen Schulniveaus betrifft in einer kleinen Zwickmühle. Da gibt es so drei mehr oder weniger unterschiedliche ‚Vorgaben’ was die Ausbildung betrifft.
Zunächst das was im Ansuchen an das deutsche Ministerium steht: ‚Ausbildung für die Ärmsten’ aber ‚Professionelle Ausbildung’ nicht ‚Grundbildung’.
Dann das was die caboverdeanische Regierung an Richtlinien für ‚professionelle Ausbildung’ ausgegeben hat. Und wir wollen ja, dass die Lehrlinge am Ende ein offizielles Diplom bekommen, müssen uns also daran halten. Und diese Richtlinien ‚verlangen’ auch eine gewisse Schulbildung für eine Ausbildung der Stufe 5 (höchste Stufe). Wobei wir die zweite Richtlinie, nämlich 2400 Ausbildungsstunden für diese Stufe, mehr als erfüllen.
Schliesslich gibt es da dann noch meine Richtlinien. Ich habe mir nämlich ganz still und heimlich auch ein Gesetzbuch angelegt ... obwohl ich das gar nicht darf. ‚chens’ sind ja nicht dazu da um zu gesetzbüchern sondern um zu leitern.
Trotzdem ich habe natürlich so meine Vorstellungen der Ausbildungen die hier angeboten werden. Und es war und ist immer mein grösstes Ziel gewesen mit den Strassenkindern zu arbeiten. Beziehungsweise nicht mit ihnen zu ‚arbeiten’ sondern ihnen helfen ihre Talente zu finden und zu fördern. Die bestimmt nicht ausschliesslich darin liegen in Tarrafal Autos zu waschen.

Das also sind die drei Vorgaben. Wobei ich meine Aufgabe darin sehe die drei in EINER Ausbildung zu vereinen. Und das sollte mir eigentlich auch gelingen. Es muss mir gelingen, weil ich ja keine der drei Vorgaben fallen lassen darf. Vorgaben darf man nie fallen lassen, sie sind dazu da, gehalten zu werden! Schliesslich sind sie enge Verwandte der Richtlinien und Gesetze. Und die verursachen immer eine riesige Sauerei wenn sie nicht gehalten werden ... wenn man sie fallen lässt, sie von der Schwerkraft gepackt werden und am Boden zerschellen. Bis heute wurde das Putzmittel noch nicht erfunden mit dem man nicht gehaltene, zerbrochene Gesetze aufwischen kann ... am besten geht’s noch mit Schmierseife ...
Aber zurück zu den Strassenkindern. Da weder das deutsche noch das caboverdeanische Ministerium Gesetze erlässt die sich GEGEN Menschen richten sondern stets nur solche die FÜR die Menschen sind (das wäre ja eine komische Welt wenn sie das tun würden???!!!) bin ich mir denn also sicher, dass das Ausbildungszwickmühlenproblem eine Lösung hat.
Der gute Geist des Zentrums hat diesbezüglich auch schon eingegriffen. Er hat uns Sarah aus Deutschland geschickt. Sie ist Mitte November hier angekommen und wird bis Ende April bleiben. Ihre erste Aufgabe hat sie bereits mit viel Engagement in Angriff genommen ... den Lehrlingen die nicht schreiben und lesen können dieses beizubringen. Eine Stunde täglich kann Paulo die zwei Lehrlinge ‚entbehren’ und sie in die Obhut von Sarah geben.
Inzwischen hat sich schon noch ein Strassenkind dem täglichen Schreib- und Leseunterricht angeschlossen. Es werden sich auch bestimmt noch weitere finden. Schwierig ist es immer nur sie dazu zu bringen regelmässig zu kommen. Aber ich habe das Gefühl, dass die Kinder und Jugendlichen die einmal hier angefangen haben auch weiterhin kommen. Wenn sie merken, dass wir hier zwar Ausbildungen anbieten aber doch keine ‚Schule’ sind. Es weht im Zentrum ja doch ein anderer Wind als in den öffentlichen Schulen. Wobei das Potenzial dieses Zentrumwindes noch lange nicht ausgeschöpft ist ... Wenn wir ganz konzentriert arbeiten und Alle zusammenhelfen wer weiss ob es uns nicht gelingt den Wind zu einem Wirbelsturm werden zu lassen der die Sauereien die die fallengelassenen Gesetze verursachen hinwegwirbelt ... dann könnten wir aufhören Putzmittel zu erfinden!
Ein grosse Vorhaben ... wobei ich mich derweil noch darauf konzentriere ein paar Kinder und Jugendlichen in Tarrafal eine gute Ausbildung zukommen zu lassen.

Schneiderausbildung:
In diesem Bereich haben wir zwar keine schlechte Ausbilderin aber wie ich meine eine die nicht das Wissen hat um eineinhalb Jahre lang eine sinnvolle Ausbildung anzubieten.
Aber auch sie ist eine sehr liebe Person die von den Lehrlingen (ich weiss jetzt nicht wie man zu weiblichen Lehrlingen sagt? ... ) respektiert und angenommen wird.
Ganz anders als bei den Buben hat sich die Suche nach den auszubildenden Mädchen gestaltet. Und ich bin mit dem Ergebnis nicht ganz zufrieden. Da besteht noch Handlungsbedarf. Zwar haben wir natürlich die 10 Ausbildungsplätze besetzt, aber ob das denn wirklich die sind die es am nötigsten brauchen bezweifle ich. Das beweist auch die folgende Episode:
Die Lehrlinge bekommen im Zentrum ja ein Mittagessen. Und da hat es bei den Schneiderinnen doch tatsächlich zwei gegeben denen das nicht gut genug war und die täglich in der Mittagspause zum nächsten ‚Restaurant’ gegangen sind um dort zu essen.
Habe mich nicht gerade gefreut als ich das erfahren habe ... musste sodann eine kleine Ansprache in der Schneiderei halten. Habe erklärt dass wir zuwenig Geld haben um das Zentrum zu finanzieren und dass ich alle die die Möglichkeit hätten täglich 200 Escudos für ein Essen auszugeben herzlichst bitte dieses doch dem Zentrum zu spenden und das angebotene Essen anzunehmen. Seitdem sind in der Mittagspause alle anwesend. Spenden sind aber noch keine eingegangen.
Das Problem bei der Suche nach den Mädchen und Frauen die die Ausbildung ‚am notwendigsten’ hätten ist deshalb nicht so leicht wie bei den Buben weil die Mädchen nicht auf der Strasse oder am Strand anzutreffen sind. Auch wenn sie nicht in die Schule gehen und keine Arbeit haben. Sie sind zu Hause und helfen im Haushalt, ziehen ihre kleinen Geschwister gross weil die Mutter arbeitet oder sauft oder hurt oder in Portugal ist ...
Wie bei den Buben, die mit Tätigkeiten wie Autowaschen oder Touristen anbetteln täglich Geld nach Hause bringen, wollen die Erziehungsberechtigten oft gar nicht dass das Kind eine Ausbildung macht die den ganzen Tag dauert.
Ein weiterer Bereich in dem Aufklärungsarbeit gemacht werden kann ...
So haben wir im Schneiderinnenbereich also anders gelagerte Schwierigkeiten. Aber auch keine unlösbaren.
Was die Ausbilderin betrifft zeichnet sich auch bereits eine Lösung ab. Das caboverdeanische Erziehungsministerium hat uns bei der Eröffnung ja ganz hochoffiziell eine Kooperation angeboten. Die Ministerin persönlich hat es vor laufender Kamera angesprochen: das Ministerium bezahlt uns für den Bereich der professionellen Ausbildung einen Koordinator. Dieser wird zuständig sein für Ausbildungspläne, für deren Einhaltung, für die Kooperation mit dem Ministerium und anderen öffentlichen Stellen und wird dafür sorgen, dass die Lehrlinge ein offiziell anerkanntes Diplom bekommen.
Ich habe diesen ‚Koordinator’ zunächst abgelehnt. Habe der Ministerin ins Gesicht gesagt, dass ich ihre blöde Unterstützung nicht wolle und sie solle sich in ihr hässliches Ministerium schleichen??!!! ... nein, stimmt natürlich nicht. Ich wollte ja einen guten Eindruck machen.
Was ich aber sehr wohl angesprochen habe ist, dass wir über einen Koordinator natürlich sehr froh wären wir aber auch das Problem hätten zuwenig Geld für qualifizierte Ausbilder zu haben und ich es daher besser fände das Ministerium bezahle Ausbilder anstatt einen Koordinator.
Durch diese geschickte diplomatische Vorgehensweise habe ich jetzt die Zusage für einen Koordinator UND weitere Ausbilder. Das habe ich fein hinbekommen, gelle?!
Blöd ist jetzt nur, dass wir diesen Koordinator nicht finden. In Tarrafal gibt es einige sehr interessierte Leute, die aber alle schon einen Job haben. Durchwegs Professoren am Gymnasium. Und da das Ministerium ein recht gutes Gehalt bezahlt (wesentlich mehr als ich als Projektleiter bekomme!) bestehe ich darauf, dass der/diejenige den Job Fulltime macht. Und nicht so wie sich die bisherigen Kandidaten das wünschen, nebenbei ... es ist aber keiner bereit den Job im Gymnasium aufzugeben und im Zentrum zu arbeiten. Weil das Gehalt doch niedriger als das eines Professors ist ...
Wir haben jetzt eine Kandidatin die aber leider nicht ganz den Anforderungen des Ministeriums entspricht weil sie noch keine Erfahrung in dem Bereich hat. Sie hat in Portugal studiert und ist noch nicht lange wieder in Cabo Verde.
Ich hoffe sehr das Ministerium möglichst bald von dieser Kandidatin überzeugen zu können. Ich glaube sie würde gut zu uns passen.

Informatik:
Da läuft alles plangemäss und problemlos. Wir haben eine ganz reizende Kubanerin als Ausbilderin die tagsüber im Gymnasium unterrichtet und jeden Abend (Montag bis Freitag) 20 Jugendliche im Zentrum. Und sie bekommt wirklich nicht viel Geld dafür. Beklagt sich aber nie und hilft wo es nur geht. Hat zunächst alle Computer installiert, das portugiesische Windows aufgesetzt und ist jetzt ‚nebenbei’ dabei das Netzwerk zu installieren.
Die Jugendlichen die den Kurs besuchen (10 Buben und 10 Mädchen) sind fast durchwegs ‚Schulabgänger’. Also solche die vergangenes Jahr das Gymnasium abgeschlossen haben und jetzt nichts zu tun haben. Der Andrang auf diesen Kurs war sicherlich der grösste. Da könnten wir noch 10 solche Kurse anbieten ...

Sprache:
Da haben wir Gott sei Dank einen unglaublich fantastischen Lehrer für den Deutschunterricht gefunden. Ein zuvorkommender, wunderhübscher Kerl, spricht fliesend Deutsch, kommt immer geschniegelt und super vorbereitet in den Unterricht, ist bescheiden bis zum geht nicht mehr ... eine Ausnahmeerscheinung. Ein Wunder der Natur. Ein ‚chen’ ... ja, ja natürlich bin das ich! ... Das haben sicher alle Leser sofort erraten als ich ‚Wunder der Natur’ geschrieben habe! Oder fällt irgendwem sonst noch eines ein?
Ich habe in meiner Klasse 15 Buben und Mädchen und alle können schon ‚ich bin schön, ich bin dünn, ich bin nicht kompliziert’ sagen. Es war das erste was ich ihnen beigebracht habe ... warum weiss ich nicht mehr, aber ich habe mir sicher was dabei gedacht.
Für den Englischunterricht haben wir eine Amerikanerin die vom ‚Peace Corps’, der amerikanischen Entwicklungshilfeorganisation, nach Tarrafal geschickt wurde. Sie unterrichtet am Gymnasium. Ich wollte sie hauptsächlich deshalb weil die Kinder hier ja alle in der Schule Englisch lernen, es aber nicht sprechen. Was eben daran liegt, dass es auch die Lehrer grossteils nicht wirklich fliesend sprechen. Die Amerikanerin die wie eine Chinesin ausschaut spricht auf alle Fälle fliesend und findet das Projekt auch ganz ‚incredible’.
Ein schöner Nebeneffekt ist, dass sie neben ihrem Professorengehalt kein Geld verdienen darf. Das verbietet das ‚Peace Corps’. So spare Geld und kann das eventuell in einen zusätzlichen Englischkurs für Anfänger investieren. Das muss ich noch mit dem ASB klären.

Fussballschule:
Die hat in den letzten Monaten natürlich gelitten. Bis Anfang September Beat gekommen ist. Seit dem geht es wieder aufwärts. Kommt mehr Organisation und mehr Inhalt in die Trainings. Auch ist es Beat ganz ausgezeichnet gelungen die Mädchengruppe wieder zum Leben zu erwecken. Nachdem ich die Gruppe aus Zeitmangel aber hauptsächlich wegen mangelnder Disziplin bei der regelmässigen Teilnahme Ende Juni eingestellt habe, hat Beat eine Woche nach Wideraufnahme eine Gruppe von über 30 Mädchen mobilisiert die seitdem regelmässig trainieren. Auch ein erstes Turnier hat Beat auf dem Zentrumsfussballplatz organisiert.
An dieser Stelle eine Kurzerzählungsanalyse von Beat dem Trainer aus der Schweiz. Er wird jetzt vielleicht bisschen erschrecken und sich fürchten vor dem was ich jetzt wieder verzapfe ... bin mir nicht ganz hundertprozentig sicher ob er meinen Humor zur Gänze teilt?? Aber keine Angst Beat ich schreib ganz brav und sachlich.
Beat war jetzt 3 Monate hier in bei uns in Tarrafal (gestern ist er zurück in die Schweiz). Er hat den letzten Monat Bau, die Eröffnung, den ersten Monat Ausbildung und alle diesbezüglichen Hinter- und Vordergründe hautnah miterlebt. Darum ist er ja auch gekommen. Er wollte sich ein genaueres Bild von dem Projekt und dem Leben in Tarrafal machen. Um seine Entscheidung ob ganz nach Tarrafal zu ziehen oder weiterhin zu ‚pendeln’ treffen zu können.
Mit grosser Freude und Anerkennung für seinen Mut möchte ich das Ergebnis seiner Entscheidungsfindung gleich kundtun: Beat ist seit gestern neuer technischer Leiter der ‚Fussballschule Tarrafal’!! Bis Ende des Jahres von der Schweiz aus, ab Anfang 2006 vor Ort! ‚Weltmeister Cabo Verde 2014’ ist gesichert! Reservierungen für die Weltmeisterfeier werden entgegengenommen!
Ich weiss natürlich, dass sich Beat diese Entscheidung nicht leicht gemacht hat. Auch wenn er noch nicht alt ist, so ist es aber in seinem Alter etwas ganz anderes das Leben in Europa stehen und liegen zu lassen und hierher zu kommen. Weil das Leben hier ist anders. Ziemlich anders.
Ausserdem geht Beat auch ein finanzielles Risiko. Weil Gehalt kann ihm Delta Cultura derweil keines zahlen.
Ich habe in den Monaten in denen er hier war eigentlich nicht damit gerechnet dass er sich dazu entschliesst zu kommen. Da waren die unterschiedlichen Ansichten und die, zwar nicht heftigen aber doch vorhandenen, Streitereien zwischen ‚Delta Cultura’ und ‚Vista Verde’, die Beat ganz bestimmt verunsichert haben. Er ist da immer irgendwie dazwischen gestanden. Und das ist bekanntlich nie angenehm. Anfangs hat er sich auch ‚verpflichtet’ gefühlt zu vermitteln, bald schon hat er aber gemerkt dass das Projektleiterchen stur ist und von seinen Ansichten nicht abweichen will ... trotzdem hat er sich entschlossen zu kommen. Nachdem wir eine ganz klare Aufgabenteilung (auch schriftlich) festgehalten haben.
Beat geht uns allen schon jetzt, einen Tag nach seiner Abreise, ab und wir freuen uns auf seine hoffentlich sehr baldige Rückkehr!

Die Fussballschule hat im November auch sonst noch einen ganz grossen ‚Sprung’ gemacht. Wir sind jetzt ein beim Fussballverband eingetragener Verein und hiermit berechtigt an der caboverdeanischen Meisterschaft teilzunehmen. Was wir natürlich auch machen werden. Mit dem Trainer den wir für die ‚Kampfmannschaft’ (saublödes Wort, aber mir fällt jetzt keine besseres ein) haben, kann auch nur der Meistertitel das Ziel sein. Der Trainer ist ein ganz zuvorkommendes, äusserst sympathisches Wunder der Natur ... ja, ja schon wieder!!
Seit ca. zwei Monaten bereite ich die Mannschaft akribisch auf die Meisterschaft vor. An der wir fast nicht hätten teilnehmen können weil die Präsidenten der anderen Vereine Tarrafals sich dagegen gewehrt haben. Mit der Begründung sie verstehen die Fussballschule als Ausbildungsort und nicht als Verein ... sprich, sie haben sich das so vorgestellt dass wir das gesamte Jahr hindurch die Arbeit machen und sie dann für die Meisterschaft ganz toll ausgebildete Fussballer bekommen. Gott sei Dank hat der Verband diese Meinung in keiner Weise geteilt und den Herrn Präsidenten klar gemacht dass es nicht die Vereinsverantwortlichen sein können die bestimmen wer Meisterschaft spielt und wer nicht sondern einzig und alleine der Verband.
Der Meisterschaftsmodus ist dieses Jahr erstmals nicht in erste und zweite Division geteilt sondern so, dass jede Gemeinde ein Turnier organisiert deren Gewinner (oder die ersten zwei?) an der regionalen Santiago-Meisterschaft teilnehmen. Dieser Gewinner wiederum spielt dann an der nationalen Meisterschaft mit.
Dieses Turnier der Gemeinde wird Anfang Dezember starten. Es nehmen 7 Mannschaften teil.
Ich kann unmöglich sagen wie da unsere Chancen stehen. Dazu kenne ich die anderen Mannschaften zu wenig. Kann auch nicht sagen wie das Spielverhalten unserer Mannschaft sein wird. Im Training sehe ich schon immer wieder mal schöne Fortschritte, aber wie das dann in Wettkampfspielen sein wird??
Einen Namen hat der Fussballclub auch: ‚Pena d’aguia Tarrafal’. Was soviel heisst wie ‘Adlerfeder Tarrafal’. Und das ist nicht weil wir einen Indianerhäuptling in unseren Reihen haben sondern weil ‚Benfica Lissabon’ in seinem Wappen einen Adler hat ... und die Mehrzahl der Spieler Benfica-Fans sind und unter diesem Namen schon vor der ‚Fussballschule Tarrafal’ zusammengespielt haben.
Das Projektleiterchen freut sich auf alle Fälle schon sehr auf seine Tätigkeit als Trainerchen. Das Ziel ‚Cabo Verde Weltmeister 2014’ ist ja bekanntlich nur dann realistisch wenn der Verband Beat und mich spätestens ab der Qualifikation für diese Weltmeisterschaft auf die Trainerbank der Nationalmannschaft setzt. Es wird also Zeit, dass ich mir schon mal einen Namen als DAS Fussballtränerchen (?) schlechthin mache ...

Batucugruppe:
Mir fällt auf, dass dieser ‚Teil’ des Projekts immer ganz zum Schluss ‚drankommt’. Dabei ist diese Gruppe das Herzstück. Ohne die Lebensfreude der Batucumädchen, ohne deren Musik hätte ich das Projekt schon längst sausen lassen.
Sie ‚üben’ wie eh und je, allerdings nicht im Zentrum, sondern wie gehabt bei uns zu Hause. Die Mädchen wohnen alle mehr oder weniger in unserer Nähe und so wäre es sinnlos wenn sie abends den weiten Weg zum Zentrum und wieder nach Hause gehen.
Auftritte haben sie regelmässig und Marisa ‚schreibt’ praktisch wöchentlich neue Lieder.
Auch Mario Lucio ist sehr angetan von dieser Gruppe und will, dass wir eine Europatournee der Mädchen (mit ihm gemeinsam) organisieren. Wäre ein lang geträumter Wunsch von uns.
Sobald es meine Zeit zulässt will ich mich diesem ‚Projekt im Projekt’ annehmen und mit Mario Lucio gemeinsam eine ‚Kommission’ gründen die diese Reise organisiert.
Wäre natürlich toll wenn sich gleichzeitig auch eine Kommission in Österreich, Deutschland und der Schweiz gründet und mitorganisiert!?


So, jetzt ist mir leichter. Der Monatsbericht, der diesmal ein Monatebericht ist, neigt sich dem Ende entgegen und mein saudummes schlechtes Gewissen, dass ich seit Anfang Oktober vonwegen ‚ausbleiben der Monatsberichte’ habe kann sich in den Urlaub verziehen.
Alles was jetzt noch folgt tut zwar Einiges zur Sache ist aber überhaupt nicht sachlich. Ich möchte mich an dieser Stelle daher von allen ganz herzlichst verabschieden die ‚nur’ wissen wollen was das ‚Kinder- und Jugendzentrum’ so treibt. Entschuldige mich auch gleich für all die Aus- und Abschweifungen der vergangenen Seiten.

Das Projektleiterchen


Und weiter für alle die immer schon subjektive Hintergrundinformationen und Projektleiterchenmeinungen lesen wollten.
Da gibt es diese Teile im Bericht die den ‚Streit’ zwischen ‚Delta Cultura’ und ‚Vista Verde’ erwähnen. Da gibt es die Unzufriedenheit des Projektleiterchens. Dinge die ein bisschen näher erklärt werden können ... bevor sie zu Missverständnissen führen.

Also es gab keinen Streit zwischen Delta Cultura und Vista Verde weil das sind ja nur Rechtspersonen. Und die streiten prinzipiell nicht. Die tun immer nur Recht. Meist wichtiges Recht. Manchmal machen sie sich auch recht wichtig. Wichtig ist, dass alles sein Recht hat. Und Ordnung? Und so?
Innerhalb dieser Rechtspersonen bewegen sich aber auch recht ordentliche Menschen ... und die streiten eben manchmal. Oder sind anderer Meinung und finden der Andere müsste auch anderer Meinung sein.
So ist es uns auch hier in Cabo Verde, in diesem ‚Kinder- und Jugendzentrum’ ergangen. Obwohl hier ständig die Sonne scheint und das Meer gleich da unten ist.
Irgendwann hat irgendwer angefangen irgendwem Vorwürfe zu machen. Oder Kritik zu üben (klingt doch viel vernünftiger).
So wurde an mir geübt, dass ich auf der Baustelle ein kleiner Hitler sei, viel zu viel arbeite und daher dauernd Fehler mache und deshalb demnächst den Psychenkater aufsuchen werde müssen oder krank werde, dass ich so viele Ideen hätte die ich aber niemandem kundtue, dass ich den Eindruck vermittle nicht genau zu wissen was ich mit dem Zentrum eigentlich wolle, dass ich mehr Rücksicht auf die Geldgeber nehmen müsse, dass ich Helfern nicht genügend Respekt und Dankbarkeit zeige, dass ich über alle Geldgeber schlecht rede, dass die Geldgeber genauer wissen wollen wohin das Geld fliest, dass ich nicht wisse wie ich das Zentrum ab 2007 finanzieren will ...
Was genau ich an anderen geübt habe will ich an dieser Stelle nicht erwähnen weil der/diejenigen an denen ich übe ja keine Möglichkeit haben sich zu ‚rechtfertigen’.
Soviel sei aber doch verraten: ich habe ganz gemeine Sachen gesagt. Es dürfte aber wohl Allen klar sein dass die Vorwürfe die an mich gemacht wurden allesamt an den Haaren herbeigezogen waren während ich ganz besonnen und reiflich überlegt (so wie es halt meine Art ist) vorgeworfen habe ... so wünsche ich es mir zumindest. Weil wenn ich jetzt dann nicht bald perfekt werde schaffe ich es überhaupt nicht mehr. Mir läuft die Zeit davon.
Tatsächlich gibt es auch in diesem Streit keinen Guten und keinen Bösen (nur einen Besseren und das bin zweifellos ich?!). Ich will/muss/kann/soll aber auf diese Vorwürfe eingehen. Es kann ja durchaus sein, dass ganz viele Menschen – auch diejenigen die diese Berichte lesen – dem voll und ganz zustimmen und das der Grund ist warum sie mir schon seit Monaten nicht mehr mailen??!!
Zu meiner Person und meiner Art zu leiten: ich bemühe mich natürlich das so gut wie möglich hinzubekommen. Dass ich dabei Fehler mache ist klar. Noch viel mehr als ich ein ziemlicher Stimmungsmensch bin und darunter praktisch alle meine Mitmenschen leiden. Ein Erbe meiner Mutter.
Es kann auch nie schaden mich zu kritisieren. Das kann unter günstigen Umständen helfen. Wenn auch nicht direkt sofort und auf der Stelle. Weil auch mir es bis heute noch nie gelungen ist eine Charaktereigenschaft von einem Moment auf den anderen abzulegen oder umzumodeln. Das können nur indische Gururus.
Ich lebe daher immer schon mit der Einstellung: wenn mir der Chef nicht passt dann suche ich mir halt eine andere Arbeit. Weil ich weiss - und es war auch nie mein Interesse – dass es mir nicht gelingen wird den Chef und/oder seine Art zu arbeiten zu ändern. Mein lieber Bruder Johannes kann davon ein Lied singen. Und er singt es wahnsinnig schön. Allerdings immer nur Sonntags unter der Dusche. Also wer es hören will ... er wohnt in Wien in der Gumpendorferstrasse, sein Badezimmer befindet sich gleich hinter seinem Schlafzimmer ...
Heute bin ich sozusagen mein eigener Chef und wünsche mir ausschliesslich Angestellte die gerne mit mir als Leiterchen arbeiten ... und wenn sie dazu keine Möglichkeiten sehen weil ich so blöd bin, dann tut es mir herzlich leid, aber dann ist es zum Wohle aller besser ,wenn sie nicht mit mir arbeiten.
Klingt ein bisschen grosskotzig, gebe ich zu. Aber ich bin weder gross noch ist mir schlecht??!!
Ausserdem finde ich, dass ich ganz manchmal auch das Recht habe zu sein und zu machen wie ich will. Schliesslich trage ich die alleinige Verantwortung, bin auch noch niemandem begegnet der bereit war sie zu teilen (Ausnahme ist ganz eindeutig der ASB und dort Sophia Hubert und Edith Wallmeier – mein ganz herzlichster Dank) also darf ich das. Manchmal muss ich es sogar. Weil irgendwer muss ja schliesslich gewisse Dinge entscheiden. Und in einem Projekt ist das der Projektleiter. So wie es in einem Garten die Gartenleiter ist!
Einen Vorwurf den ich nicht wirklich nachvollziehen kann ist der, dass ich nicht kundtue was ich eigentlich will und was in dem Zentrum eigentlich passieren soll. Ich finde es passiert ja schon sehr viel. Nicht umsonst hat dieser Bericht schon 18 Seiten (auch wenn 18 davon ‚Verirrungen’ sind). Missverständnisse könnte es geben weil ich vielleicht den Eindruck vermittle diese Ausbildungen etc. sind bis 2007 bereits gesichert. Das ist leider in keiner Weise der Fall. Alle Aktivitäten die wir im Sport- und Kulturbereich anbieten und noch anbieten wollen werden nicht von BMZ/ASB finanziert. Und die anderen Ausbildungen (Schreiner, Schneider, Informatik, Sprachen) werden zu 85% von BMZ/ASB finanziert. Die fehlenden 15% muss Delta Cultura beitragen. Und die sind in keiner Weise gesichert.
Das heisst, dass alle Spendengelder die Delta Cultura derzeit bekommt (viel zu wenig – das nur so nebenbei) fliesen als Eigenanteil in das Projekt. Finanzieren sozusagen die verschiedenen Ausbildungen und die Betriebskosten des Zentrums. Gott sei Dank ist der ASB da sehr kulant und verständnisvoll und setzt mich und Delta Cultura da in keiner Weise unter Druck. Ich selbst verspüre diesen Druck allerdings ganz gewaltig. Wobei ich mir sicher bin, dass es besser werden wird sobald ich mehr Zeit habe mich um Spenden etc. zu kümmern. Und sobald ich aufhöre so lange Berichte zu schreiben??!!
Dass ich mit meinen Ideen hinterm Berg halte ... dass kann glaube ich nur jemand sagen der mich nicht gut kennt. Weil genau das Gegenteil ist der Fall. Ich komme ständig mit neuen Ideen daher. Von denen ich allen die es hören wollen ganz begeistert erzähle ... bis mir meine Frau dann immer sagt ich solle aufhören alles gleichzeitig zu denken.
So ist es auch. Ich habe viele viele Ideen für dieses Zentrum. Aber derweil fehlt es ganz bestimmt an Zeit diese umzusetzen. Wenn ich der Typ wäre würde ich nicht einmal daran denken. Die Aufgaben im laufenden Projekt, also ordentliche Ausbildungen anzubieten, die ‚nicht schreiben und lesen können Kinder’ zu integrieren, das fehlende Geld aufzustellen, Deutsch zu unterrichten, Fussballtrainer zu sein ... das ist derzeit wirklich mehr als genug. Ich glaube auch nicht dass irgendjemand von mir verlangt noch ein bisschen mehr zu machen??!!

Heikel ist die Angelegenheit mit den Helfern denen ich nicht genügend Respekt und Dankbarkeit gezeigt habe oder zeige.
Es ist halt so eine Sache mit dem Respekt. Den hat man oder man hat ihn nicht. Genauso die Dankbarkeit. Heucheln kann man diese Dinge immer. Aber davon ist dringend abzuraten. Das kann zu unglaublichen Bauchschmerzen und irreparablen Gesundheitsschäden führen?!
Soll heissen: wenn ich mich bei jemandem bedanke dann nur deshalb weil ich dankbar bin. Und wenn ich gerade gestresst und grantig oder besorgt oder sonst wie komisch bin, dann bedanke ich mich trotzdem nur wenn ich tatsächlich dankbar bin. Wenn dann jemand findet das sei jetzt aber nicht gebührend gewesen so bitte ich innigst um Verzeihung. Von Herzen ist tatsächlich jeder Dank den ich je ausgesprochen habe! Hätte sonst die Angst mich in meinen Verschnaufpausen daran zu verschlucken?!
Es waren in den Monaten des Baus so einige Helfer aus Europa bei uns. Und entgegen den im Entwicklungszusammenarbeitsbereich üblichem Vorgehen haben wir ihnen Verpflegung und teilweise Unterkunft geboten. Wie Sophia Hubert vom ASB mich aufgeklärt hat ist es üblich, dass jemand der in so einem Projekt mitarbeiten will (gar nicht so wenig) Geld zahlen muss. Ich sehe es als einen Akt des Dankes dass wir den Helfern Unterkunft und Verpflegung geboten haben.
Marisa, die sich über derartige Vorwürfe besonders ärgert, sieht auch den folgenden Aspekt: die Helfer sind gekommen um den Kindern und Jugendlichen Tarrafals zu helfen. Das haben sie auch getan. Aber sie haben nicht uns (also mir und Marisa oder unseren Kindern) geholfen. Trotzdem haben wir ihnen aus unserer Tasche Verpflegung bezahlt, ihnen Kleider gewaschen ... wo ist da der fehlende Respekt?
Ich sehe da vielleicht noch einen kleinen Unterschied. Etwas was ich sehe bzw. immer wieder zu hören bekomme. Nämlich, dass ich mich aufopfere, oder dass es so bewundernswert ist was ich da mache ... oder was eben all die Helfer machen. Das ist aber in keiner Weise der Fall. Also bei mir nicht. Ich habe bis heute noch kein Opfer gebracht und ich mache alles was ich mache sehr gerne. Ich gebe dafür nichts auf was ich nicht auch aufgeben müsste wenn ich Kellner wäre ... doch ... das Trinkgeld. Kein Mensch gibt einem Projektleiterchen auch nur einen Escudo Trinkgeld. Aber egal. Wenn ich es bekäme würde ich es opfern ...
Bewunderung ... dieses Projekt ist tatsächlich ein Wunder. In drei Jahren von 6 Fussbällen zu einem Kinder- und Jugendzentrum. Aber so grössenwahnsinnig zu glauben, dass ich Wunder verbringen kann bin ich noch nicht. Also wer hat dieses Wunder vollbracht??? Ich schwöre, ich war es nicht!!! Wenn ich Wunder vollbringen könnte würde ich ganz andere Dinge machen als Projekte zu leiterchen.
So also bin ich allen Helfern herzlichst dankbar! Wirklich und ehrlich. Ihr Entschluss uns zu helfen verlangt mir aber beim besten Willen keinen Respekt ab ... und das soll auch noch einer verstehen!

Eines sollte eigentlich auch selbstverständlich sein. Ich kann – vor allem will ich nicht – unterscheiden zwischen einheimischen und europäischen Helfern. Wenn ich von einem Caboverdeaner verlange, dass er seine Arbeitszeiten einhält, dass er sich nicht einfach Urlaub nimmt wenn es ihm gerade passt, dann muss ich das auch von einem Europäer verlangen ... was eigentlich klar ist. Inzwischen wissen wir ja alle dass es keinen Unterschied zwischen schwarz und weiss und rot und grün gibt.
Es sei aber bedacht was es für ein ‚Bild macht’, wenn all die Europäer die hier waren um zu helfen ihre Arbeitszeiten gestaltet haben wie es ihnen gefällt während die Caboverdeaner ganz regelmässig von Montag bis Samstag von 8 bis 16 Uhr auf der Baustelle waren. Das ist ein Ungleichgewicht dass auch einem caboverdeanischen Maurer auffällt ... klar, dass er sich dann seinen Teil dazu denkt. Einen Teil von dem ich nicht will dass er ihn sich denkt. Einen Teil den ich in keinem Delta Cultura Projekt haben will. Dagegen werde ich mich immer wehren und ich habe aus dieser Erfahrung gelernt.

Ach, ich könnte da noch stundenlang weiter polemisieren. Aber ich weiss nicht was ‚polemisieren’ genau heisst, also höre ich lieber auf.

Noch ein letztes Wort zu der Finanzierung des Projekts ab März 2007. So wie ich nicht gewusst habe wie ich mit 6 Fussbällen und ohne finanzielle Mittel eine Fussballschule anfangen soll, so wie ich nicht gewusst habe wie ich ein ‚Kinder- und Jugendzentrum’ bauen und ‚beinhalten’ soll, so weiss ich auch nicht wie wir das Zentrum ab 2007 finanzieren werden.
Die Meinungen der Experten gehen diesbezüglich sehr auseinander. Die einen sagen es ist leicht einen Bau zu finanzieren, aber viel schwerer den folgenden Betrieb. Die Anderen sagen es ist leicht einen Betrieb zu finanzieren wenn schon mal was steht ...
Wenn ich sage ‚ich weiss nicht wie wir das Zentrum ab 2007 finanzieren werden’ so heisst das nicht, dass ich diesem Problem ratlos gegenüber stehe. Es gibt da zahllose Möglichkeiten, Ideen, Ansatzpunkte ... und es gibt öffentliche Stellen in Cabo Verde die jetzt schon mithelfen (Erziehungsministerium, Gemeinde) und ich bin überzeugt, dass wenn wir bis März 2007 gute Arbeit leisten werden die auch weiterhin mitfinanzieren. Es sei denn das Zentrum wird zu einem Politikum ... aber wir arbeiten daran, dass es ein Deltikum’ bleibt.
Weiters gilt auch hier: im Augenblick fehlt mir die Zeit diese sicherlich ganz wichtige Aufgabe in Angriff zu nehmen. Aber ganz bestimmt noch in der ersten Hälfte 2006 werden wir anfangen in diese Richtung zu arbeiten!

So, und jetzt reicht es wirklich. Sollte es einen Leser geben der sich tatsächlich bis hierher durchgekämpft hat würde ich mich freuen wenn er mir das kundtut! Ich fürchte dieser Bericht läuft auf Grund seiner Länge Gefahr von niemandem ordentlich gelesen zu werden?!
Damit so elendslange Schilderungen in Zukunft ausbleiben habe ich mir fest vorgenommen ab sofort wieder monatlich zu berichten. Der Nächste folgt Anfang 2006. Dann mit den endgültigen Zahlen was den Bau des Zentrums betrifft, mit Schilderungen meiner Begegnungen mit dem Christkind, mit ersten Ergebnissen der Meisterschaftsspiele und mit Antworten auf all die Fragen die ich bis dahin gestellt bekomme!

Es bleibt mir nur noch, allen Lesern, Helfern, Spendern und allen die noch eines dieser Drei werden wollen, ein gesegnetes Weihnachtsfest ... nein, dafür ist es also wirklich noch viel zu früh ... das schiebe ich dann zwischen diesen und den nächsten Bericht.

Seid alle umarmt und gedrückt! Wünsche einen schönen Winter mit viel Schnee (weil dann wird alles so leise und regt zur Gemütlichkeit an!) ...

Das Projektleiterchen

1 Kommentare:

Anonym schrieb...

In der Kürze (läge) die Würze. Es ist freilich nichts schwieriger, als sich selbst - auch schreiberisch - zu disziplinieren. Aber vielleicht wollen Sie als Langschreiber-chen die möglicherweise kurzentschlossenen Helferchen verschreckerchen?

Trotzdem viel Glück für Ihr Vorhaben!

17 Dezember, 2005 09:20  

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