Monatsbericht Juli/August 2006
Der Sommer geht seinem Ende entgegen. Und während so manch Einer in Europa darüber trauert, freut sich das Projektleiterchen tierisch. Der August ist hier in Cabo Verde der bei Weitem unangenehmste Monat. Feuchtheiss, Regen und dadurch Mosquitos, Fliegen, giftpinkelnde Käfer, und allerlei sonstiges Getier in unnötig grossen Mengen ... wobei ich mich in keiner Weise über den Regen beklagen will. Den braucht das Land und er fällt dieses Jahr sehr ordentlich! Die Insel ist grün. Ich muss mich manchmal ganz gehörig anstrengen um herauszufinden ob ich in den Alpen oder auf einer Atlantikinsel bin!? Aber dann fällt mir wieder ein, dass ich ja professionell ausbilde und das würde kein Mensch in den Alpen tun ...
Trotz 2 Wochen ‚Zentrumsferien’ im Juli hat sich in den vergangenen Monaten sehr viel getan. Fast nur Positives! Als hätte die erfolgreiche Dachabdichtung einen Knoten gelöst. Oder vielleicht ist es ja so, dass nicht nur das Unglück selten allein kommt sondern auch das Glück!? Aber das sind Geheimnisse des Lebens auf die Monatsberichte keine Antwort geben können! Oder sind es ausschliessliche Monatsberichte die antworten können? Das wär’ doch was! ... Na ja, die Monatsberichte von Projektleiterchens können es auf alle Fälle nicht ... schade!
Die Dächer waren gerade dicht, der erste grosse Regen hat es bewiesen ... da kam die ernüchternde Erkenntnis dass alle Fenster undicht sind. Aber das macht nichts. Dafür sind sie wahnsinnig schön und reichen bis zum Boden. Das hat den genialen Vorteil, dass das Wasser nicht über die Wand auf den Boden sondern direkt auf den Boden fliesst. Die Wände bleiben auch beim ärgsten Regen (so wie gerade eben!) staubtrocken! Aber das nur so nebenbei ... eigentlich wollte ich ganz was anderes sagen ...
Die Dächer waren gerade dicht, der erste grosse Regen hat es bewiesen ... da kam die nächste Erfolgsnachricht. Ein Anruf des ‚Ministerio de Solidaridade e Trabalho’ (Caboverdeanisches Ministerium für solidarische Traber): ‚die Portugiesische Kooperation wird die Kosten für den definitiven Stromanschluss übernehmen!’
Die Freude war gross, meine Erleichterung nicht ... weil ich mir diesbezüglich nie Sorgen gemacht habe. Habe schon vermutet, dass die böse Elektra uns den Strom nicht einfach so abdrehen wird. Wäre ja auch blödsinnig blöd gewesen. Schliesslich haben wir immer pünktlich unsere Stromrechnungen bezahlt ... eine Seltenheit in Cabo Verde. Das schaffen nicht einmal die Solidarischsten aller Traber!
Noch erfreulicher ist diese Hilfe der ‚Cooperação Portuguesa’ – immerhin 17.000 €, die sie uns komplikationslos überwiesen haben – weil sie uns auch für 2007 Unterstützung in Aussicht gestellt haben. Wieder einmal hat sich eine meiner unzähligen Weisheiten bewahrheitet. Auch bei der Vergabe von staatlichen Geldern gibt oftmals die Sympathie den Ausschlag ... Ausschlag? Sympathie gibt Ausschlag? Na sowas! Das hab ich garnicht gewusst! Was für einen Ausschlag denn? Pusteln? Eiterbeulen? ... das kann ich fast nicht glauben!
Was ich eigentlich sagen wollte: wie im vergangenen Monatsbericht beschrieben, hatten wir ja Besuch einer hochrangigen Delegation (Minister aus Portugal, Cabo Verde, etc.) und ich habe der Dame von der ‚Cooperação Portuguesa’ schon angemerkt, dass sie sehr beeindruckt war von dem Zentrum und unseren Aktivitäten. Auch meine schiefe Nase war ihr sympathisch. Und all das zusammen hat wohl den Ausschlag gegeben ... Ausschlag?? ...
Inzwischen ist der Auftrag für den definitiven Stromanschluss vergeben. Eine portugiesische Firma wird den benötigten Transformator bringen und installieren. Die hiesige Elektra wird zwei Pfosten setzen und die Hochspannungsleitung in den Transformator leiten . So hat sich auch diese hoch spannende Geschichte zu einem Erfolg transformiert. Bleibt nur noch das leidige Problem meiner schiefen Nase und dieser saudummen Ausschläge.
Damit kennen die werten Leser schon zwei von unseren grossen Glücks ... oder muss es ‚Glücken’? heissen ... Auf alle Fälle klingen alle zwei so, dass wenn ich nicht wüsste was das ist, ich es unter keinen Umständen würde haben wollen!!! Und wohl nicht nur ich! Bin mir sicher, dass jemand der der deutschen Sprach nicht mächtig ist, panisch die Flucht ergreift wenn ihm jemand ‚Glücks’ anbietet!?
Also zwei von diesen Dingern kennen die Leser jetzt schon. Aber es ist noch mehr geglückt: Im Oktober 2005 – zur Eröffnung des Zentrums – hat uns ja das caboverdeanische Unterrichtsministerium einen ‚Koordinator für die professionellen Ausbildungen’ versprochen. Ich bin diesem Ministerium zu grossem Dank verpflichtet. Ich durfte jetzt 10 Monate lang in Vorfreude auf diesen Koordinator leben! Es war herrlich! Im August wurde dann aus der Vorfreude eine ... ja was denn eigentlich? Wenn es eine Vorfreude gibt, muss es ja auch eine Währendfreude und eine Nachfreude geben ... aber egal. Wichtig ist ja nur, dass wir jetzt einen Koordinator für die professionellen Ausbildungen haben. Adilson Costa. Er koordiniert sich jetzt seit einem Monat die Haxen aus, dass es nur so eine Freude ist!
Aber ehrlich: nachdem ich zu Beginn so meine Zweifel hatte ob dieses Angebot des Ministeriums denn wirklich sinnvoll ist (was brauchen wir extra jemanden der die zwei professionellen Ausbildungen koordiniert?!) bin ich jetzt sehr froh über diese zusätzliche Arbeitskraft. Neben dem täglichen Betrieb gilt es ja jetzt schon die Zeit nach März 2007 – wenn denn dann deutsche Ministerien nicht mehr fördern – vorzubereiten. Sprich: Pläne erstellen und Finanzierungen suchen. Und dazu kann Adilson viel beitragen. Trägt auch viel dazu bei. Wir sind momentan damit beschäftigt sämtliche öffentliche Stellen abzuklappern und Meinungen bezüglich dem Ausbildungsprogramm 2007 einzuholen. Von Bürgermeister über spezielle Spezialisten bis zu Ministern sind alle der Meinung wir sollten die Angebote ausbauen und Alle versprechen auch, bei der Finanzierung zu helfen. Also erstellen wir Pläne, kalkulieren Kosten und hoffentlich bald schon wird alles gut ... bzw. noch besser.
Sobald diese besagten Pläne einmal stehen werden sie natürlich an dieser Stelle veröffentlicht. Derweil sei nur so viel verraten: es wird schöner als Weihnachten!!!
Nicht ganz so schön wie Weihnachten, aber ein Stück schöner als der Villacher Fasching war der tägliche Zentrumsbetrieb im Juli und August. Die 2 Wochen Ferien sind zwar wie im Flug vergangen, aber trotzdem haben wir alle ganz schell wieder in den Arbeitsalltag gefunden. Und das ist jetzt aber wirklich ein ganz unglaublich saudummes Geschreibe. ‚Im Flug vergehen’, ‚in den Arbeitsalltag finden’ ... im Flugzeug vergeht die Zeit bekanntlich überhaupt nicht, da rutscht man nur blöd im unbequemen Sesseln hin- und her, während einen die Absturzgedanken peinigen und das mit dem ‚in den Arbeitsalltag finden’ ist überhaupt ein Kapitel für sich. Weil - was bleibt einem denn anderes übrig? Da kann einem das stunden-, tage-, jahrelange Arbeiten noch so auf die Nerven gehen, man tut es ja trotzdem. Wobei ich überzeugt bin, dass das Argument ‚der Mensch muss ja von was leben’ im Grossteil der ‚Fälle’ eine faule Ausrede ist! Vielmehr wollen wir uns Sicherheit erarbeiten?! 8 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche, 12 Monate im Jahr ... und was kommt dabei raus? Die Midlifecrisis, die manische Depression, der Gehörsturz, die Erinnerung an die Schulzeit, und schlussendlich der, der uns sowieso dauernd im Nacken sitzt ... dieser Hundsgemeine ...
Irgendwie ist das wohl alles so ein bisschen ein Kreislauf ... so mit Teufel und allem drum und dran ...
Da fällt mir ein Sprüchlein ein, das leider nicht der Wegen- sondern der Ein-stein gesagt haben soll: die Probleme dieser Welt lassen sich nicht mit der gleichen Denkweise lösen die diese Probleme verursacht hat.
Da könnte der gute Mann relativ recht gehabt haben. Und vielleicht gilt das ja auch nicht nur für die ‚Probleme dieser Welt’ sondern auch für meine ganz persönlichen? ... Gottverdammt, ich muss anfangen meine Denkweise weise zu überdenken!
Und dann war da noch ein Projektleiterchen das Monatsberichte schreiben wollte, sich dabei aber dauernd in Seitengassen verirrt hat.
Der Zentrumsalltag ist im August ruhig und in keiner Weise wie immer verlaufen. Schliesslich ist der August der Anbaumonat. Der erste Regen fällt und ganz Cabo Verde begibt sich ins freie Feld ... und wenn dann ausgesät ist und es nochmals regnet (so wie dieses Jahr) dann spriesst der Mais. Aber leider nicht nur der, sondern allerlei ‚Unkraut’ auch. So eilt wieder alles ins freie Feld und jätet bis das halbe Land umgegraben ist. Früher war es sicher überlebensnotwendig und wenn der Regen ausgeblieben ist gab es Hunger, aber heute ist es meiner Meinung nach oftmals wirklich ‚nur mehr’ Tradition. Wobei das in keiner Weise abschätzig gemeint oder von ‚Delta Cultura’ beanstandet wird. Wir sind ja keine fanatischen Antitraditionalisten. Im Gegenteil, wir haben dieser ‚Massenstadtflucht’ Rechnung getragen und haben die Fussballschule und die Batucogruppe grossteils ruhen lassen. Auch die Lehrlinge und sogar die Angestellten haben tageweise frei bekommen um ihrer landwirtschaftlichen Pflicht nachkommen zu können. Das wurde erwartet und gefordert ...
Einzig die Kampfmannschaft der Fussballschule, die ja bekanntlich vom besten Trainerchen der Welt betreut wird, hat ihr Training weitergeführt. Wenn auch oft dezimiert. Aber es läuft derzeit ein von der Gemeinde organisiertes Fussballturnier für sämtliche Mannschaften Tarrafals. Also nicht nur für jene die dem Verband angehören sondern auch für Hobbymannschaften. Wobei wir die einzige Mannschaft sind die auch dem Verband angehört bzw. angehören wollen (siehe weiter unten). Die anderen trainieren ja nicht das ganze Jahr sondern immer erst 2 Wochen vor Meisterschaftsbeginn.
Diese Turnier hat soeben seine Gruppenphase beendet. Wir haben unsere Gruppe recht überzeugend gewonnen (ein Unentschieden, 3 Siege: 1:1, 3:0, 6:0, 2:1). Ich bin also wahnsinnig stolz und denke es ist jetzt an der Zeit, dass mich der Verband zum Nationaltrainer macht.
In Wirklichkeit will ich aber garnicht Nationaltrainer werden und stolz bin ich auch nicht. Es wäre ja eine Schande würden wir so Spiele gegen Hobbymannschaften die nie zusammen trainieren verlieren. Auch wenn natürlich sämtliche meisterschaftserfahrenen Spieler bei irgendeinem dieser Hobbymannschaften mitspielen.
Was ich allerdings schon glaube und sehe, ist, dass meine Mannschaft gute Fortschritte macht. Taktisch spielen sie schon recht diszipliniert. Manchmal.
Ich hoffe jetzt, dass es der Gemeinde gelingt dieses Turnier auch weiterhin zu organisieren. Derweil steht es einmal. Es ist glaube ich noch nicht so ganz klar wie und wann es weitergeht. Es wäre nicht das erste Turnier in Tarrafal, das einfach so irgendwann mittendrin aufhört ...
Für den Rest der Fussballschule gilt: sobald die Schulferien vorbei sind und alle Kinder/Jugendlichen wissen ob sie vormittags oder nachmittags in die Schule gehen wird der Trainingsbetrieb neu und natürlich besser organisiert.
‚Neu und besser organisieren’ sollte sich auch der caboverdeanische Fussballverband. Wobei das ein Thema ist das mich regelmässig auf die Palme unten am Strand bringt. Die Touristen die da erholungsbedürftig in der Sonne oder eben im Schatten jener besagten Palme liegen, sind immer ganz erstaunt wenn ein weisser Caboverdeaner dahergeschossen kommt, die Palme erklimmt und dort unverschämte Affenlaute von sich gibt... sie ahnen ja nicht, dass ein Fussballverband hinter diesem Affentheater steckt.
Auf alle Fälle ist der Verband hier ein riesiger verlogener Haufen. Da bekommen sie Millionen von der FIFA, lassen sich von Denen vollkommen übertriebene Paläste bauen die sie Ausbildungszentrum nennen, aber für den Kinder- und Jugendfussball wird überhaupt nichts getan. Hier in Tarrafal gibt es zwei ‚Fussballschulen’. Unsere und jene von Tó aus dem Nachbarort Chão Bom. Hilfe von Seiten des Verbandes haben wir bisher Null bekommen. Aber dafür haben sie uns umgerechnet 100 € abgeknöpft. Das war im November 2005 und eigentlich dafür gedacht uns beim Verband anzumelden. Leider hat sich sodann aber der Regionalverband ‚Santiago Nord’ aufgelöst und der Präsident des Nationalverbandes weigert sich standhaft diesbezüglich etwas zu unternehmen. So sind wir nicht nur immer noch nicht beim Verband angemeldet, die gesamte Region ‚Santiago Nord’ konnte auch an der vergangenen Meisterschaft nicht teilnehmen. Und wird es wohl auch dieses Jahr nicht weil der Verband einfach nichts tut.
Ich versuche gerade mich diesbezüglich bei der FIFA zu beschweren, aber meine ‚Hilferufe’ bleiben unbeantwortet. Wer interessiert sich bei der FIFA am schönen Genfersee schon für eine kleine Fussballschule irgendwo in Afrika. Lieber verzapfen sie vollkommenen Blödsinn auf ihrer Internetseite und lügen den Leuten die Hucke voll. Da wird von einem Ausbildungszentrum und Verbandssitz auf den kapverdischen Inseln erzählt das von der FIFA finanziert und ausschliesslich mit heimischen Materialien errichtet wurde ... die Wirklichkeit: dieses vollkommen überdimensionierte Gebäude mit riesigen Empfangshallen in denen kein Mensch sitzt um zu ‚empfangen’, mit elendslangen Gängen und zahlreichen Büros von denen ein einziges besetzt ist (von einem Menschen der immer nur sagt ‚der Präsident ist nicht da’), dieses Gebäude wurde wie alle Bauwerke hier aus Betonstein gebaut. Wobei der Zement importiert ist und der Sand von den Stränden ‚gestohlen’ wird, sämtliches Holz wird importiert, genauso Elektro- und Installationsmaterial ... aber der Herr Blatter rühmt sich der ökologischen Bauweise. Also entweder hat er sich vom hiesigen Fussballpräsidenten für blöd verkaufen lassen oder er verbreitet bewusst unwahre Pressemitteilungen?!
Und im Übrigen gilt auch für die FIFA: sie rühmen sich der grossartigen Hilfe und Unterstützung die sie den ‚armen Ländern’ dieser Welt zukommen lassen, dabei ist das was sie tun geradezu lächerlich. Anstatt dort zu helfen wo es gebraucht wird stopfen sie die Millionen in Taschen die sowieso schon voll genug sind. Und das rechtfertigen sie mit kreuzdummen verlogenen Argumenten. ‚Es gäbe in Afrika so viele Fussballschulen die Schindluder betreiben’ ... als hätten sie keine Möglichkeit herauszufinden wer seriös arbeitet und wer tatsächlich Unfug treibt. Vollkommen unseriös ist beispielsweise der caboverdeanische Fussballverband. Aber den fördern sie weiterhin.
Zu diesem Thema ein paar Zahlen (Quelle: www.fifa.com):
Das Jahreseinkommen der FIFA 2005: 553.620.067 €
Ausgaben: 418.065.497 €
Damit Gewinn: 135.554.570 € ... wozu brauchen die eigentlich einen so hohen Gewinn?
Für Entwicklungsprojekte (wie es die FIFA nennt???): 88.047.127 €
Das Jahresbudget meiner Fussballschule wenn ich es ganz ganz hoch ansetzte beläuft sich auf sagen wir einmal 15.000 €. Das beinhaltet Gehälter für Trainer (die ich aber in keiner Weise regelmässig auszahle), einen Container mit Fussballmaterial sowie die Kosten für die Organisation von Spielen (Transport und Verpflegung). Das heisst, mit dem Geld das die FIFA für ‚Entwicklungsprojekte’ gibt könnte man 5869(!!!!!) Fussballschulen nach der Art der ‚Fussballschule Tarrafal’ finanzieren ... oder 251 ‚Zentren’ in der Art des ‚Kinder- und Jugendzentrums Tarrafal’ bauen und eineinhalb Jahre betreiben.
Dazu gibt es kein ‚aber’ oder ‚so kann man das ja nicht rechnen’ ... eigentlich dürfte man so einem Verband garnicht beitreten wollen! Man müsste einen ‚Gegenverband’ aufbauen. Bis die FIFA ruiniert ist und ihre Öko-Paläste verrotten. Natürlich müsste ich Präsidentchen dieses Gegenverbandes werden. Ich will auch endlich ein Haus und einen Ferrari im Swimmingpool ... und meine eigene Palme ...
Aber zurück auf den Boden. Es wird ja doch nichts mit den 5869 Fussballschulen und den 251 Zentren. Ausserdem bleibe ich eh lieber bei dem Einen. Schliesslich ist es uns gelungen das Angebot für die Lehrlinge auszubauen. Endlich konnten wir eine Psychologin finden die sich für das zur Verfügung stehende Gehalt bereit erklärt hat einmal wöchentlich zu kommen. Sie war jetzt bereits einige Samstage hier im Zentrum und hat zunächst ausschliesslich mit den Lehrlingen ‚psychologisiert’. Abgesehen davon, dass es ihnen allen nicht schaden kann auf ihrem Weg in die Selbständigkeit ein bisschen mehr über ihre Probleme und Denkweisen zu erfahren, gibt es auch Einige die bestimmt speziellerer, individuellere psychologischer Hilfe bedürfen. Im weiteren planen wir aber auch einige ‚öffentliche’ Veranstaltungen mit der Psychologin zu organisieren. Themen wie ‚Aids’, ‚Drogen’ sind immer angebracht, aber auch generell Aufklärung über das Betätigungsfeld einer Psychologin ist angesagt. Ich habe das Gefühl hier ist die Meinung eine Psychologin sei ausschliesslich für die geistig bisschen Blöden zuständig weit verbreitet. Die Menschen müssen verstehen lernen, dass auch Projektleiterchens die wirre Monatsberichte schreiben bei der guten Esmeralda (so heisst unsere Psychologin) Hilfe suchen können.
Aber nicht nur im psychischen Bereich konnten wir das Angebot für unsere Lehrlinge erweitern. Adilson, unser Koordinator, hat sich bereit erklärt den Lehrlingen in ihrer Mittagspause die Informatik etwas näher zu bringen. So nutzen sie jetzt eine halbe Stunde täglich den Informatikraum. Es handelt sich dabei natürlich um eine freiwillige Sache. Aber alle 25 Lehrlinge samt Ausbilder waren sofort bereit für den Blechtrottel ihre Mittagspause zu verkürzen. Das zeigt wie gross das Interesse an diesem Angebot ist.
Wir haben übrigens auch eine Neue Informatikausbilderin für die Abendkurse. Die ‚alte’ ist nach Praia um sich weiterzubilden. Und diese Neue, Helena heisst sie, ist ganz ausgezeichnet. Die Schüler sind begeistert. Während dem Unterricht herrscht grösste Aufmerksamkeit und Stille und was ich so mitbekommen vermittelt die liebe Helena ihr Wissen sehr gut und geduldig. Ein weiterer Gewinn für das Zentrum. Möge sie uns lange erhalten bleiben.
Und damit sind wir auch schon beim letzten Teil dieses Berichtes angekommen. Wobei ich an dieser Stelle erwähnen will, dass ich in keinem der Berichte immer Alles erzähle was sich hier so abspielt. Das wären sonst – meine Ausschweifungen eingerechnet – mindestens 50 Seiten ... und das kann ich also wirklich niemandem antun.
Erzählen will noch von den vielen lieben Besuchen die wir im August bekommen haben. Allen voran Elisabeth Lindner und Johanna Lauber. Zwei Österreicherinnen die sich auf den Weg gemacht haben das Kinder- und Jugendzentrum zu unterstützen. Elisabeth für zwei Wochen, Johanna gar für einen ganzen Monat. Mit Sicherheit kann ich sagen, dass uns die Beiden viel gegeben haben, leider hat sich ihnen Tarrafal aber von seiner schlechtesten Seite präsentiert.
Aber kommen wir zuerst zum Erfreulichen. Elisabeth ist Englischlehrerin in Wien, hat über eine Freundin von dem Kinder- und Jugendzentrum gehört und hat beschlossen einen Teil ihre Sommerferien zu ‚opfern’ um hier Englisch zu unterrichten. Es sei auch erwähnt, dass Elisabeth eine der Organisatorinnen war die das ‚Fest zu Gunsten des Zentrums’ in Wien veranstaltet hat. Jenes Fest bei dem über 4000 € ‚eingespielt’ wurden, die uns schlussendlich die Dachsanierung gesichert haben. Für all das möchte ich mich an dieser Stelle bei Elisabeth bedanken. Natürlich auch im Namen aller Kinder und Jugendlicher des Zentrums. Zu besonderem Dank verpflichtet sind ihr die Lehrlinge und Ausbilder aus Schreiner- und Schneiderei. 2 Wochen lang kamen sie täglich eine Stunde lang in den Genuss eines professionellen Englischunterrichts.
Ich muss ich sagen ich war sehr erstaunt als ich bei den Lehrlingen angefragt habe wer denn Interesse hätte in der Mittagspause Englisch zu lernen. Alle haben sich sofort gemeldet. Und die Ausbilder gleich dazu. Ob das an der sympathischen Ausstrahlung der Englischlehrerin oder an ihrem Interesse an Fremdsprachen gelegen ist kann ich nicht sagen ...
Und dann die Johanna! Auch sie ist mir sehr ans Herz gewachsen und es tut mir aufrichtig leid, dass sie keinen unbedingt schönen Monat in Tarrafal verbracht hat ... aber auch bei ihr zuerst zum Erfreulichem. Johanna studiert Internationale Entwicklung, Romanistik (sie spricht fliessend Portugiesisch) und vergleichende Literaturwissenschaften. Kurz: ein Segen für Delta Cultura. Schon als ich ihren Lebenslauf erstmals gelesen habe, kam in mir die Hoffnung auf sie nach ihrem Besuch für die Arbeit bei Delta Cultura in Wien zu gewinnen! Neben ihrem Studium hat sie bisher an der Universitätsbibliothek gearbeitet und wie es das Schicksal so will hat sie während ihrem Aufenthalt in Tarrafal ein Mail von ihrem Arbeitgeber bekommen, dass sie ihren Job verloren hat ... als Begründung wurden ihr irgendwelche fadenscheinige Erklärungen gegeben. Ich vermute ja stark es war mein Schutzengel der ihren Arbeitgebern diese Dummheiten eingeflüstert hat ... so besteht jetzt die Möglichkeit, dass Johanna nach ihrem Urlaub in Cabo Verde (derzeit weilt sie auf Sao Vicente) für Delta Cultura in Wien tätig wird. Ich hoffe es auf alle Fälle sehr. Schon in dem Monat hier hat sich gezeigt, dass sie sehr viel für uns tun kann. Abgesehen von den zahlreichen Übersetzungen die wir ständig vom Deutschen ins Portugiesische und umgekehrt brauchen, kann sie Förderungsanträge an Gott und die Welt erstellen, den Superreichen des Erdballs die Konten plündern ... und damit einen Beitrag dazu leisten, dass die Kriminalitätsrate in Tarrafal sinkt. Womit wir bei dem unerfreulichen Teil von Elisabeths und Johannas Besuch wären ... nein, die Beiden haben sich nicht einer Räuberbande angeschlossen ... sie sind leider Gottes Opfer einer Solchen geworden.
Und zwar nicht einmal sondern wiederholt. Gottverdammter Weise ...
Zur Erklärung: die Beiden haben sich ein Zimmer in der Wohnung geteilt die uns die Gemeinde Tarrafal zur Verfügung stellt. Diese befindet sich nicht im Dorfzentrum sondern etwas abgelegen. In einem Dorfteil in dem es nur neue Häuser von Emigranten gibt. Und daher nicht so wie sonst wo im Dorf Tag und Nacht viele Menschen auf den Strassen.
Elisabeth hat als Erste dumme Erfahrungen gemacht. Zwei ‚Buben’ sind ihr des Abends auf ihrem Nachhauseweg gefolgt und sind sie ‚blöd angegangen’. Ihr resolutes Auftreten hat sie aber vertrieben.
Dann eines Nachts, die beiden kamen erschöpft von ihrem Tageswerk nach Hause, sind sie in ihre Betten gefallen und umgehend eingeschlafen. Bei offenem Fenster ... das hat sich der ‚tarrafalianische Räuber Hotzenblotz’ zu Nutzen gemacht, ist eingestiegen und hat zwei Rucksäcke der Schlafenden gestohlen. Johanna ist aufgewacht als der Dieb gerade durchs Fenster entflohen ist. Gott sei Dank waren Pässe und Flugtickets nicht in den Rucksäcken und auch kaum Geld oder sonstige Wertsachen, aber wie immer in derartigen Fällen muss die Tante Jolesch zitiert werden: Gott behüte mich vor Allem was noch mal ein Glück gewesen ist ... Mehr als Johanna wurde Elisabeth von dem Diebstahl ‚geschädigt’. Einige unersetzbare Privatsachen waren in dem Rucksack. Dinge mit denen der Dieb absolut Nichts anfangen kann. So haben wir gehofft die Tasche würde wieder auftauchen. Bis heute ist sie das aber leider nicht.
Als Elisabeth schon abgereist war wurde Johanna nochmals Opfer eines Überfalls. Zwar einem mit ‚gutem Ausgang’, aber dafür umso brutaler. Es war spät in der Nacht, Johanna hatte mit zwei Franzosen deren Abschied aus Tarrafal ‚gefeiert’ (Abschiede feiert man zwar nicht, aber irgendwas muss ich ja schreiben?!) und hat sich dann auf den Weg nach Hause gemacht. Alleine. Ausnahmsweise allein. Sonst hat sie immer unser Wächter von der Bar oder sonst jemand begleitet. Aber es war spät und sie wollte niemanden belästigen ... sie kam gerade mal um die erste Ecke als sich ein Vollidiot auf sie gestürzt hat und ihr die Tasche weggerissen hat. Ihren Schrei haben die zwei Franzosen gehört und sie dem Dieb gefolgt. Haben ihn auch erwischt und ihm die Tasche wieder weggenommen. Dann konnte er ihnen allerdings entkommen. Zwar wissen wir wer das war, aber Beweise haben wir keine und wenn wir zur Polizei gehen dann verhören sie ihn, er wird es abstreiten und gar nichts passiert. Trotzdem werde ich ihn zur Rede stellen. Nur ist er seit damals nicht mehr in Tarrafal aufgetaucht. Er kommt aus einem Ort in den Bergen.
Als wäre das nicht genug wurde die arme Johanna auch ständig von irgendwelchen Krankheiten heimgesucht. Sie hatte also wirklich eine schwere Zeit und ich hoffe ihr Aufenthalt hat ihr nicht alle Freude an dem Kinder- und Jugendzentrum genommen und wir werden in diesen Berichten noch viel von den erfolgreichen Aktivitäten der Johanna Lauber für Delta Cultura lesen!!
Abschliessend nochmals: vielen Dank an die Beiden für ihre Unterstützung!!!
Und jetzt beende ich diesen Bericht. Zwar gäbe es da noch so Manches zu erzählen ... aber das hebe ich mir für den nächsten Bericht auf. Der wird dann sicherlich von den Batucadeiras erzählen die derzeit auf der Insel Maio weilen ... ein Grund warum dieser Bericht endlich wieder einmal halbwegs pünktlich seinen Weg durch die Telefonkabel dieser Welt findet. Mit den Batucadeiras sind nämlich auch Frau und Kinder des Projektleiterchens auf Maio und ich habe das Wochenende genutzt um zu verfassen. Wollte zwar Sonntags auch nach Maio, aber die Flieger waren alle voll und dann hat es auch noch den ganzen Tag geregnet ... perfekt um am Computer zu sitzen und zu schreiben.
Und diesen letzten Zeilen merkt man an, dass ich sie in einer ‚schnellen Minute’, zwischen zwei Terminen, in den Computer gehämmert habe ... aber der Bericht soll jetzt seiner wohlverdienten Veröffentlichung zugeführt werden.
Gesundheit, erholsame Arbeit und herbstliches Wohlbefinden wünscht,
das Projektleiterchen


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