Gedanken und Erfahrungen zur Entwicklungszusammenarbeit
(von Florian Wegenstein)
Mein Ausgangspunkt (als Antwort auf die Frage ‚wie kommt denn der dazu so etwas zu schreiben?’):
Ich bin im November 2002 nach Tarrafal/Cabo Verde gekommen. Ich bin hier verheiratet und habe eine Tochter. Im Dezember des selben Jahres habe ich eine Fussballschule für Kinder gegründet. Wir, Zé – der Bruder meiner Frau – und ich, trainieren seit dem über 150 Buben und Mädchen. 8 Gruppen, je zweimal die Woche und regelmässig Spiele an den Wochenenden.
Ich habe mich seit dem Entstehen der Idee zur Gründung dieser Fussballschule mit Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt. Ich habe mit sehr vielen Leuten gesprochen und war bei sehr vielen Organisationen vorstellig: Österreichische Entwicklungszusammenarbeit (Cabo Verde ist eines ihrer Schwerpunktländer), UEFA, VIDC, Fairplay, FADOC (caboverdeanische Plattform für NRO’s) ... usw.
Hier vor ort bin ich regelmässig in Kontakt mit einem deutschen Entwicklungshelfer der seit 5 Jahren für die Gemeinde Tarrafal arbeitet, sowie dem Leiter der luxemburgischen Entwicklungszusammenarbeit in Praia. Ich kenne inzwischen sehr viele Projekte weltweit: Projekte der Weltbank, von verschiedenen privaten Organisationen, von staatlichen Einrichtungen, usw.
Ich habe mich als Laie auf dieses Terrain gewagt ... und den Eindruck den ich heute von Entwicklungszusammenarbeit habe, lässt sich in ein paar Sätzen so sagen:
Entwicklungszusammenarbeit ist heute nicht mehr und nicht weniger als ein weiterer Wirtschaftszweig. Wenn nicht irgendwer der es gar nicht braucht ordentlich dabei verdient wird überhaupt niemandem geholfen.
Und das ist natürlich eine ganz unzulässige Verallgemeinerung ... die ich aber trotzdem so stehen lasse! Jeder den ich damit ungerechtfertigt angreife möge es mir verzeihen ... ich weiss aber, dass viele von denen die ich damit ungerechtfertigt angreife mir in dieser Aussage zustimmen.
Ich will ein paar Beispiele geben (ohne Namen zu nennen):
- Ein Dorf bekommt ein Kanalsystem mit Kläranlage finanziert. Um diese Kläranlage zu bedienen braucht es ausgebildete Arbeitskräfte. Es ist Teil dieses Projekts diese Arbeitskräfte zu schulen. Nur werden diese aller Voraussicht nach mit dieser Ausbildung im Ausland ein vielfaches verdienen und diese Chance auch nützen. Anscheinend ist das bekannt, darum wird sicherheitshalber vom ersten Auffangbecken dieser Kläranlage ein direkter Abfluss ins Meer gelegt ... wo sonst soll das Wasser hin sollte es einmal technische Schwierigkeiten geben???!!!
- Ein kleines abgelegenes Dorf am Meer soll unterstützt werden. Um die dafür vorgesehenen Gelder auch sinnvoll einzusetzen wird eine Schweizer Consultingfirma mit einer Studie beauftragt wie man den Menschen dieses Dorfes am Besten helfen kann. Eventuell ist bei dieser Studie herausgekommen: mit Fischerbooten, Fischerei- und Landwirtschaftszubehör ...
- Ein Land, in dem der Wind nur so weht, bekommt Windräder geschenkt ... wie üblich muss dieses Land nur die Transportkosten übernehmen. Leider stellt sich aber heraus, dass die Technik dieser Windräder nicht für in diesem Land übliche Windstärken geeignet ist. Jetzt rosten sie, die edlen Spender haben sich Verschrottungskosten gespart und die Transportfirma kann sich ja auch nicht um alles kümmern.
- Ein europäischer Sportverband fördert jeweils zwei Jahre lang ‚seinen’ Sport in einem ‚Drittweltland’. Mit dem Geld soll auch der Nachwuchs gefördert werden. Ich kenne das Land das die vergangenen zwei Jahre gefördert wurde und ich weiss, dass keine der dortigen Sportschulen auch nur irgendwas für die Förderung des Nachwuchses bekommen hat. Aber der europäische Sportverband macht sich da keine Sorgen. Er hat das Geld ganz ‚sicher’ investiert: es läuft über den afrikanischen Sportverband und den nationalen Sportverband ... da kommt sicher jeder gespendete Euro genau dort an wo er hingehört!
- Der Präsident eines Fussballvereins in Cabo Verde findet man müsse in die Jugend investieren. Er sucht um Förderung für eine Fussballschule an. Er bekommt umgerechnet 4000 €. Damit kauft er 10 Bälle und eine Fussballpumpe und ‚spendet’ das gesamte Material einer bereits bestehenden Fussballschule. Den Rest des Geldes braucht er für private Zwecke. Der Arme muss ja auch von was leben ...
Das sind Beispiele wie ich noch einige mehr kenne. Aber Gott sei Dank sind es ja ‚nur Beispiele’. ‚Schwarze Schafe gibt es überall!’ ‚Wo Menschen am Werk sind gibt es auch Korruption!’ Und ganz gewiss besteht auch die Möglichkeit unzählige Beispiele aufzulisten in denen geholfen wurde und wird. Das will und kann ich nicht abstreiten!
Ich höre immer wieder von Summen die in die verschiedenen Projekte fliessen, von Summen die gespendet werden und ich frage mich ernsthaft wieso es dann noch soviel Hunger auf der Welt gibt. Wieso noch immer so ein Ungleichgewicht zwischen ‚Nord’ und ‚Süd’ herrscht.
Vielleicht weil mit diesen Geldern unzählige Arbeitsplätze geschaffen werden die den verhungernden Kindern nicht im entferntesten auch nur zu einem Reiskorn verhelfen. Vielleicht weil mit diesen Geldern Studien in Auftrag gegeben werden, deren Ergebnisse auch kostenlos von österreichischen Volksschülern erarbeitet werden könnten. Vielleicht weil sich immer noch nicht herumgesprochen hat, dass auch ein hoher UNO- EU- oder sonstiger Beamte auf eigene Kosten den Führerschein machen könnte um sich den Chauffeur zu ersparen. Vielleicht weil Bürokratie, die immer unsinnig Geld verschlingt, in einem Bereich in dem es darum geht Menschleben zu retten, Kindern eine Zukunft zu schenken ... noch unangebrachter ist als sie es auch sonst schon ist. Vielleicht weil der Verwaltungsaufwand dieser Gelder viel zu aufgeblasen ist. Vielleicht weil das Wirtschaftsdenken einfach alles, wirklich alles, überlagert.
Viele ‚vielleichts’ ... von denen ich eigentlich überzeugt bin, dass sie ‚ganz sicher’ sind. Genauso wie ich davon überzeugt bin, dass viele Gelder sinnvoller eingesetzt wären, wenn man sie wirklichen Fachleuten überlässt. Und ich meine mit ‚Fachleuten’ nicht Profis (das ginge ja schon wieder in Richtung ‚Profit’) sondern Amateure (amare = lieben). Ich zähle mich ganz ungeniert zu diesen Leuten. Ich lebe in Cabo Verde weil ich das Land und die Menschen liebe. Ich sehe und erlebe täglich wo es fehlt. Ich getraue mich zu sagen, dass ich das besser beurteilen kann als ein studierter Fachmann der für zwei Wochen nach Cabo Verde kommt um das heraus zu finden.
Ich möchte an dieser Stelle jemanden zitieren dessen Einwilligung ich nicht habe ihn namentlich zu nennen. Aber - soviel sei verraten - es ist jemand der jahrelang in einer offiziellen Entwicklungshilfestelle in Cabo Verde gearbeitet hat:
„Ich lebe jetzt schon zwei Jahre hier, aber ich habe immer noch nicht das Gefühl die Caboverdeaner zu kennen. Einfach weil alle mit denen ich Kontakt habe, wissen wer ich bin und mir so begegnen wie sie glauben mir begegnen zu müssen um ‚gefördert’ zu werden.“
Das spricht das Problem von vielen Projekten an und wäre ein sinnvoller Ansatzpunkt für verbesserte Hilfeleistungen. Das scheint sich allerdings noch nicht wirklich herumgesprochen zu haben. Ich weiss von einem Land, dass sich auf der Suche nach einer LeiterIn für das Entwicklungshilfebüro in Cabo Verde befindet. In der offiziellen Ausschreibung dieses Postens wird ‚Deutsch und Englisch in Wort und Schrift’ verlangt. ‚Portugiesische wäre von Vorteil ...’ Kreol, die Sprache der Einheimischen wird nicht einmal erwähnt! Aber die unbedingt notwendige EU-Staatsbürgerschaft!
Ich kann nicht umhin mich zu fragen um was es denn da geht?! Also doch sicher nicht darum, die Stelle mit einer geeigneten Person zu besetzen um den Menschen des Landes WIRKLICH helfen zu können. Was sagt den ein Reisepass über die Qualität eines Menschen aus? Wieso ist dieser – in diesem Fall wirklich vollkommen unbedeutende - Herkunftsnachweis wichtiger als die Beherrschung der Sprache derjeniger denen man helfen will?
Darauf kann es keine Antwort geben. Nur den Hinweis auf herrschende Gesetze.
Also worum geht es denn dann sonst in der Entwicklungshilfe? Geht es um Menschen? Menschen die verhungern? Menschen die keine Gesundheitsversorgung haben? Menschen die keine Zukunft haben? Vergessene Menschen?
Worum geht es denn eigentlich? Ist das alles ein Spiel bei dem es nun mal leider mehr Verlierer als Sieger gibt?
Reicht es nicht zu sagen: es geht um Menschen! Reicht das nicht um zu vergessen, dass es Reispässe und sonstige hinderliche Verirrungen gibt?
Nein, es scheint nicht zu reichen! Und – es ist wohl unverkennbar – das treibt mich zur Verzweiflung, macht mich wütend, traurig, raubt mir Kraft, gibt mir Kraft, lässt mich Gefahr laufen zu verallgemeinern, bösartig zu argumentieren, ausfallend zu werden ...
Einzige Rechtfertigung die ich dafür habe ist die, dass ich täglich damit konfrontiert bin. Täglich mit Kindern zusammen bin die nur so sprühen vor Freude und Begeisterung, deren Zukunftsaussichten gleich null sind, deren Gesundheitsversorgung mehr als spärlich ist ...
Vielleicht muss ‚man’ das einmal eine zeitlang erleben damit ‚Reisepässe’ und ‚Wirtschaft’ ihre Bedeutung verlieren. Vielleicht vergisst man in dem Wirbel um Gesetze, Richtlinien, Wirtschaftlichkeit, Wiederwahl ... vielleicht vergisst man dabei:
ES GEHT UM MENSCHEN!!!!


2 Kommentare:
Hallo Florian
War im Oktober in Tarrafal 05 als
Pate eines Kindes in Chao Bom.
Wie beurteilst Du Bornefonden.
Ich finde die Organisation macht eine gute Arbeit. Es bedrückt mich schon,
dass die Zukunftaussichten der Kinder
eher düster aussehen.
Grüsse aus Deutschland
hallo anonymus,
'bornefonden' macht sicherlich gute arbeit. leider kenne ich den zuständigen dieses vereins hier in tarrafal. er ist auch präsident eines fussballvereins ... und mir äusserst unsympathisch. nehme ihm sein ständiges schleimiges gerede über seinen selbstlosen einsatz einfach nicht ab. weisst eh wie das ist: jemand der ständig betont wie gut er ist und was er nicht alles macht und kann, wird unglaubwürdig.
aber er ist ja nur einer von vielen die für bornefonden arbeiten ...
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