Mittwoch, Oktober 10, 2007

Vorteile der Emigration? (Von Petra Saßmann)

Kap Verde, ein afrikanischer Inselstaat mit neun bewohnten Inseln in Westafrika und mitten im Zentralatlantik - mit 4.033 km² - ein bisschen größer als das Burgenland (mit fast der doppelten Bevölkerung) präsentiert sich der Touristin als verschlafenes Paradies. Informiert sich frau ein wenig näher, stellt sie fest dass zu den etwa 400.000 EinwohnerInnen noch etwa 700.000 im Ausland lebende KapverdianerInnen dazu kommen, es stellt sich ihr unmittelbar die Frage nach der Ursache.

Kap Verde ist eine pluralistische parlamentarische Republik und im HDI (Human Development Index) an 106. Stelle von 177 Ländern, gar nicht so schlecht. Die Kindersterblichkeit ist vergleichsweise gering, die Lebenserwartung hoch, und auch die allernotwendigste Infrastruktur ist flächendeckend vorhanden, die Alphabetisierungsraten sind nahezu vorbildhaft, Presse- und Meinungsfreiheit funktionieren in der Praxis, Grund- und Freiheitsrechte sind bereits in der ersten Verfassung festgelegt und im Jahresbericht von Amnesty International findet sich kein Eintrag zu Kap Verde. Afrika light. Immerhin ist für 2008 der Aufstieg des Landes aus der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder vorgesehen.

Nachdem die Geschichte der KapverdianerInnen von mehrfachen Einwanderungswellen aus Portugal und Madeira, starkem wirtschaftlichem Einfluss Englands und Portugals und enormen Emigrationswellen nach wiederholten Hungerkatastrophen geprägt ist, verwundert es heute niemanden dass sich die Jugend - als wäre es schon zur Tradition geworden - sehnlichst wünscht, die Inseln so schnell wie möglich zu verlassen. Und das sind in diesem Fall drei Viertel der Bevölkerung. Zum einen ist der Wunsch das Land zu verlassen allgegenwärtig und auch verständlich, denn neben quasi nicht existenten Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es für qualifiziertes Personal auch kaum Arbeitsplätze, und zum andern gibt es eine große Abhängigkeit vom Geld das von der fernen Verwandtschaft kommt. Immerhin verfügt Kap Verde über das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Westafrika, dies entspringt aber keiner selbsttragenden Entwicklung, sondern basiert zum größten Teil auf Entwicklungshilfe-Schenkungen und Devisenüberweisungen aller Auslands KapverdierInnen.

Und so wachsen die Kinder hier schon mit dem festen Wunsch auf im Ausland zu studieren oder zu arbeiten. Etwa zwei Drittel der Familienverbände bekommen Geld von Angehörigen im Ausland, diese Überweisungen tragen zu gut 20 % zum Nationalprodukt bei. Das Durchschnittsalter liegt bei 17 Jahren, fast 52 % der Bevölkerung ist weiblich und die Hälfte der EinwohnerInnen konzentriert sich auf Santiago, die Hauptinsel mit der Hauptstadt Praia. Zur Landflucht kommt also die stete Emigration, die extrem junge Bevölkerung und der „Männermangel“ (wenn es so was überhaupt gibt), über bleiben die zum größten Teil alleinerziehenden Frauen, die nicht nur den Haushalt mit im Schnitt 4 Kindern zu bewältigen haben, sondern auch die tragende Säule für das Einkommen darstellen.

Eine LehrerIn verdient im Schnitt 400 Euro pro Monat, doch die Lebenshaltungskosten sind nahezu auf europäischem Standard. Wenn sich das tägliche Leben nicht mehr finanzieren lässt wird eben ausgeborgt, angeschrieben und umgeschuldet. Mietrückstände von bis zu einem Jahr sind keine Seltenheit.

Nach der turbulent tragischen Geschichte der jungen Republik, von Entdeckung der Portugiesen und Besiedelung mit afrikanischen Sklaven über die Salazar Diktatur und dem damit verbundenen 11 jährigen Unabhängigkeitsguerillakampfes, der Unabhängigkeit 1975 dem darauf folgenden 6 Jahre währenden linksnationalen Einparteienstaat, danach ein Putsch, Verfassungsänderung und die langsame Demokratisierung und – als wär das nicht schon genug – die absolute Mehrheit der neoliberalen, marktwirtschaftsorientierten MPD bei den ersten demokratisch freien Wahlen 1991. In nur zehn Jahren hat es diese Partei mit Antònio M. Monteiro an der Spitze geschafft, alle ökonomisch wichtigen Betriebe an Portugal zu verscherbeln. Es gab zwar Ausschreibungen, aber die Stimmen die über Korruption und Schiebung flüstern werden nicht leiser! Es befinden sich nun nach wie vor die Festnetztelefongesellschaft (mit Monopolstellung und einem Vertrag mit absurd langer Laufzeit), das Energiewerk, die Ölversorgung sowie die Bank fest in portugiesischer Hand. Also, ich nenn das moderne Kolonialisierung.

Die zehnjährige bürgerliche Herrschaft hat dem Staat zwar gute makroökonomische Daten, und einer kleinen Elite Vermögen gebracht, aber der Lebensstandard hat sich in der breiten Masse kaum verbessert. Dazu kommt die unzureichende Beschäftigungspolitik, die hohe Arbeitslosenrate, sowie Massenmigration in die Hauptstadt, steigende Staatsverschuldung und zu guter Letzt, die überproportionale Steigerung der Lebenshaltungskosten.

Es gibt zwar Pressefreiheit, aber die diversen Medien werden von den jeweiligen Parteien betrieben, und wie Parteien filtern können wissen wir! Die sozialdemokratische Regierung (dem neuen Profil der ehemals sozialistischen PAICV, die seit 2001 mit Pedro de Verona Rodriques Pires an der Spitze mit absoluter Mehrheit regiert) hat die schwere Aufgabe, aus diesem Trümmerhaufen eine funktionierende Republik zu basteln – Hauptziele sind und waren die Armutsbekämpfung und die Steigerung der Effizienz von Staat und Wirtschaft.

Es drängt sich mir die Frage auf wie sehr eine Regierung wirklich an der Aus- und Weiterbildung der jungen Leute Interesse hat, die so abhängig von den Devisen der EmigrantInnen ist! Und wie kommt’s dass die LehrerInnen in der Schule den Kindern wiederholt die Vorteile von Emigration aufzählen? Und warum gibt es noch immer keine öffentliche Universität (obwohl Vorbereitungen dafür schon seit Langem laufen), nicht zu sprechen vom Mangel an Lehrkräften, dem Fehlen von Qualifizierungsmaßnahmen für LehrerInnenausbildnerInnen sowie SchulleiterInnen und den Defiziten in der personellen und materiellen Ausstattung der dezentralen Schulverwaltungen als auch der Nichtexistenz eines tragfähigen pädagogischen Konzeptes für den Vorschulbereich? Und das alles obwohl die Regierung etwa 20% des Budgets für Bildung auszugeben vorgibt? Mit dem quantitativen Ausbau des Bildungswesens hat die Qualität der Grundbildung somit nicht mal ansatzweise Schritt gehalten. Dieser Entwicklung wollen wir mit unserer Arbeit hier entgegen wirken.

Ich absolviere mein Langzeitpraktikum (Ausbildung: Sozialarbeit im städtischen Raum) bei einer NGO Namens Delta Cultura in Tarrafal auf der Insel Santiago, Kap Verde. Es handelt sich hierbei um ein Kinder- und Jugendzentrum mit Fußballschule und diversen Ausbildungs- und Beratungsangeboten (Schreinerei, Töpferei, Schneiderei, EDV- und Englischkurs, Soforthilfe...) gegründet von Florian Wegenstein und seiner Frau Marisa. Im Moment bemühen wir uns um weitere Förderungen bzw. SponsorInnen, die uns helfen unsere Bildungsarbeit hier weiterhin erfolgreich machen zu können bzw. die anstehenden Betriebskosten zu finanzieren.

Unsere Bankverbindung in Österreich: Delta Culture - Verein für interkulturelle Kommunikation
BAWAG, Kontonummer: 03010 - 666 – 936, Bankleitzahl: 14000, BIC: BAWAATWW
IBAN: AT121400003010666936 Homepage: http://deltacultura.org/at/

(Quellen: www.wikipedia.de, www.auswärtiges-amt.de, Munzinger-Archiv/IH-Länder aktuell: Kap Verde 2001, ÖFSE Länderprofil Kap Verde (2003), BMZ spezial Nr. 11 / Entwicklungszusammenarbeit im Bereich der Grundbildung herausgegeben anlässlich des Welt-Bildungs-Forums in Dakar vom 26. -28. April 2000, Referat 413, Herausgegeben vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Presse und Öffentlichkeitsarbeit)

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