Dienstag, Oktober 23, 2007

Computer für Afrika? Die brauchen doch erstmal was zu Essen! (von Christian Fu Müller)

Bei unserer Arbeit für Delta Cultura im ICT und Fundraising Bereich werden wir fast täglich mit diversen Argumenten konfrontiert, die sich hartnäckig halten und mir jedesmal den Magen umdrehen. Ein paar Highlights gefällig?

Zu Spenden nach Afrika generell:
"Wir sollten erstmal im eigenen Land anfangen, statt immer nur an andere Länder zu spenden."

und:
"Afrika? Das ist doch ein Fass ohne Boden!"


Zu Computerspenden:
"Die Leute brauchen dort etwas zum Essen und Kleider auf ihren Körper. Was nutzt da ein PC, wenn es in vielen Dörfern überhaupt noch kein Strom gibt. Die bislang gespendeten PC kommen nur einer kleinen Auswahl von Leuten zu gute, die eh keine Probleme mit den von mir aus erwähnten Dingen haben."


Zur Mediengestalterausbildung:
"wie im blog zu lesen ist, ist der strand nicht weit und wird wohl auch recht häufig besucht. ich halte so vom ersten eindruck garnix davon. das wirkt weder seriös noch wirklich überlegt sinnvoll."


und, ebenfalls zur Mediengestalterausbildung:
"die können sich doch ein paar inder anlocken und fertig ists"


Meist möchte ich laut schreien (manchmal tu ich's auch), wenn ich sowas lese oder höre. Letztendlich ist das aber keine gute Reaktion. Was kann man also tun, um solche Kommentare zu entkräften und die Leute etwas aufzuklären?

Reden, schreiben, argumentieren?

Mir will einfach nicht in den Kopf, welches Afrika Bild sich in den Köpfen der Europäer seit Jahrzehnten hält. Anscheinend ist ganz Afrika ein "Land" in dem kleine ausgehungerte Kinder nackt mit Blähbäuchen vor Hütten stehen und auf ihren Tod warten. Anscheinend brauchen die Leute in Afrika keine Musik, keine Kultur, keine Bildung und schon gar kein Internet, lieber sollte man ein bisschen Milchpulver und ein paar alte Anziehsachen nach Afrika verschiffen, das wäre grossartige Hilfe!

Afrika ist ein riesiger Kontinent. Es gibt hier ebenso Ghettos wie auch hochtechnisierte Städte. Es gibt sehr arme Länder und Länder die etwas mehr Wohlstand haben.
Wir haben hier in Cabo Verde eine demokratische Regierung und keine Hungersnöte.
Bildung ist hier aber ein rares Gut, auf das wohl trotzdem ohne Frage jeder Mensch ein Grundrecht hat. Nur durch Bildung kann nachhaltig geholfen werden. Das Schulsystem hier ist veraltet, die Lehrer häufig unzureichend ausgebildet, selbst die Prügelstrafe ist trotz Verbot weit verbreitet.

PC's sind sogar in den Schulen Mangelware. Das Internet hier ist eins der langsamsten und gleichzeitig teuersten der Welt! Ein normaler DSL 1024 Anschluss kostet hier inklusive Datentransfer pro Monat schon mal 300-500 Euro. Eine Lehrerin verdient hier aber nur 400 Euro pro Monat. Eine Bäuerin schafft es wenn überhaupt auf die Hälfte. Kein Wunder also, dass ganz Kap Verde grade mal 5.000 Internet Anschlüsse zählt.

Die nötige Bildung um der Armut zu entkommen gibt es nur im Ausland. Vor Ort gibt es keine Kompetenzen um aus eigener Kraft Bildungsangebote und moderne technische Betriebe anzubieten, da diese bereits im Ausland sind (Brain Drain Effekt).
Sind die Menschen erst einmal in der Ferne, so findet kaum noch Kommunikation statt zwischen Daheimgebliebenen und Diaspora, was wiederum zur Folge hat, dass sich das Bild des "goldenen Europas", oder des "amerikanischen Traums" hartnäckig hält. Es gibt nur reiche Emigranten. Alles Gewinner.

Wie man es dreht und wendet: Es läuft also IMMER auf Emigration hinaus.

Niemand (ich schon gar nicht) hat etwas gegen Nachbarschaftshilfe in Europa. Im Gegenteil. Ich glaube dass es genau daran in Europa extrem fehlt. Europa als 3. Welt Land der Nächstenliebe quasi. Nur leben wir heute nicht mehr in einem isolierten Nationalstaat sondern in einer globalisierten Welt. Die Probleme eines Bauern in Westafrika sind eben doch auch die Probleme eines Arbeiters, Angestellten oder Vorgesetzten in Europa. Genau aus diesem Grund ist Hilfe für Kap Verde auch immer Hilfe für Europa.

Wenn wir die Emigration nach Europa verringern möchten und den Leuten in Afrika wirklich eine Chance für die Zukunft geben wollen, dann sollten wir dafür sorgen, dass Afrika nicht den Anschluss an das Informationszeitalter verpasst. Leider hat kaum Jemand ein wirkliches Interesse daran, die Lücke, die zwischen Europa und Afrika im Bildungs- und Informationsbereich herrscht, zu schliessen.

Delta Cultura hat dieses Interesse. Für uns sind die Menschen von Cabo Verde keine Statistiken. Sie sind kein Zahlen sondern Menschen mit Gesichtern und Namen wie Zé, Jamilla oder Jorge. Wir kennen sie, ihre Familien und ihre Hintergründe. Und wir kennen ihre Wünsche, Sehnsüchte und Ziele.

Wir sind vor Ort. Wir wissen was fehlt. Wir wissen wie man sinnvoll helfen kann.

Also gebt uns eine Chance und unterstützt uns!


Laotse: "Gib einem Mann einen Fisch, und Du ernährst ihn für einen Tag. Lehre ihn das Fischen und Du ernährst ihn für ein Leben."

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Montag, Oktober 22, 2007

Eine Grüne auf Kap Verde (von Petra Saßmann)

Windkraft - Nein Danke! in Tarrafal (Satiago)Also mal abgesehen von der Armut und ihren diversen sozialen Auswirkungen, dem weit verbreitetem Alkoholismus, der Landflucht, steter Emigration, die extrem junge Bevölkerung und ihren Schwierigkeiten an Bildung zu kommen, dem emigrationsbedingten „Männermangel“ (wenn’s so was überhaupt gibt!) sowie der hohen Arbeitslosigkeitsrate, macht die Stromproduktion in Kap Verde mir sehr große Sorgen. Ein Dieselkraftwerk steht malerisch in der Landschaft und verdirbt den Blick aufs Meer. Es sind so 40.000 Liter die täglich (nur für Tarrafal) in die Luft geblasen werden. DAS ist Wahnsinn! Die junge Republik deckt ihren Energiebedarf zu zwei Dritteln mit importiertem Erdöl, zu dreißig Prozent aus Feuerholz, anderer Biomasse sowie zu zwei Prozent aus Windkraft. Zwei Prozent! Und das obwohl es sich hier um günstig im Passat gelegene Inseln handelt! Direkt vor dem Centro, neben dem Dieselkraftwerk steht ein kaputtes Windrad. Es ist Zeuge der verfehlten, unüberlegten „Entwicklungshilfe“ Dänemarks. Das Ding ist schon vor Jahren kaputt gegangen, und nicht nur dass für diese moderne Technologie hier weder Werkzeug, noch Fachpersonal und schon gar keine Ersatzteile gibt – ist der einzige Kran der zur Reparatur des Windrades geeignet ist, vor Jahren auf einem Schiff vor Fogo gesunken. Und seit dem steht es da. Danke Dänemark!

Und dass es in ganz Tarrafal nur ca. drei Mülltonnen gibt ist untragbar, die Leute würden sie eh benutzen, aber es gibt einfach zu wenige! Deckel sollten die auch haben, denn die Hunde und Katzen machen sich in der Nacht über den Abfall her, und alles verteilt sich gleichmäßig über die Straßen...und irgendwann landet dann alles im Meer. Essensreste werden mit dem Spülwasser vor die Tür gekippt, darum kümmern sich aber dann die Hunde, Katzen und Insekten. Alles andere (Papier, Metall, Glas, Plastik...) wird ungetrennt entweder irgendwo hingeschmissen, oder in einem der wenigen Mistkübel entsorgt. Die Versuche der Regierung die Menschen auf das Müllproblem zu sensibilisieren, reduzieren sich auf Umwelttage, an denen die wichtigste Botschaft ist: „schmeiß keinen Müll auf die Straße“. Liebe Leute das ist einfach zu wenig! Und dass Länder wie Holland gerne ihre Butterdosen hierher exportieren, sich aber einen Scheiß um die Entsorgung kümmern – die hier auf Grund mangelnder Infrastruktur einfach noch nicht möglich ist – macht mich krank.

Ein Drittel der Bevölkerung arbeitet als Subsistenzbauern, das bedeutet dass ihre wirtschaftliche Leistung der Selbstversorgung dient und auf die Deckung des Eigenbedarfs ausgerichtet ist. Sie bauen auf teilweise sehr kleinen Flächen Mais, Süßkartoffeln, Kartoffeln, Maniok, Hülsenfrüchte und Gemüse an. Abgesehen vom sehr ungleichen Besitzsystem ist die Übernutzung von kultivierbarem Land unglaublich problematisch. Aufgrund der exzessiven Erbteilung und der damit verbundenen großen Anzahl von nur ineffizient zu bearbeitenden Kleinstparzellen - sind diese auch teilweise kaum mehr ausreichend um eine Familie zu ernähren. Selbst in guten Erntejahren müssen drei Viertel des Nahrungsmittelbedarfs importiert werden also zum Teil Nahrungsmittelhilfe aus den USA und der EU und der Rest aus Ländern, welche ohne Zweifel am Export nach Kap Verde ganz gut verdienen.

Wie wär`s mal mit ein bissl einem weltweiten Verantwortungsgefühl? Mir bringen die tausend Metall-Glas-Bio-wasweissich Container in Wien herzlich wenig, wenn den Menschen hier nicht geholfen wird ihren Müll fachgerecht zu entsorgen – denn der liegt ja auch auf meiner Welt rum. Immerhin schwimmt die durchschnittliche ÖsterreicherIn zumindest ein mal pro Jahr im Atlantik, oder nicht? Saubere Parkanlagen in der Brigittenau sind ja ganz schön, aber ist es nicht bedenklich dass die gesamte (!) Meeresoberfläche mittlerweile mit mikroskopisch kleinen Plastikpartikeln bedeckt ist? Oder 90% der großen, essbaren Fische bereits ausgerottet wurden? Wie kurzsichtig ist die erste Welt eigentlich? Ist es nicht an der Zeit - wenn schon nicht als Wiedergutmachung für Ausbeutung, Versklavung und Unrecht – dann wenigstens aus Interesse am weiteren bestehen dieses Planeten - Ländern wie diesem ALLES zu finanzieren was sie brauchen um die Müll Lawine einzudämmen? Denn solche Investitionen von einem Land wie Kap Verde zu erwarten, ist angesichts der herrschenden Armut nicht nur naiv sondern schlicht unverschämt.

Bäume (die hier echt nicht allzu oft rum stehen) fallen in sekundenschnelle Straßen oder Häusern zum Opfer, auch wenn sie nur am Rand stehen (und ganz oft ohne ersichtlichen Grund, darauf angesprochen reagieren die fällenden Menschen mit Bedauern und meinen dass sie nur auf Anweisungen handeln – irgendwer hat sich über den Baum beim Bürgermeister beschwert, und weg ist er)... die Menschen müssen unbedingt sensibilisiert werden wie wichtig die Bäume für ihre Lebensqualität sind. Vor allem weil sich das soziale Leben unter Tag als auch in der Nacht zum Grossteil unter und um die schattenspendenden großen Bäume abspielt. Als man einmal einen sehr alten Baum fällen wollte, ist das Vorhaben ausnahmsweise an der Initiative einer alten Frau gescheitert. Sie meinte sie würde nicht zulassen dass der Baum gefällt wird unter dem sie schon seit fünfzig Jahren täglich sitzt. Sie war echt vehement in ihrer Forderung und allen Argumenten ziemlich uneinsichtig gegenüber, und siehe da: der Baum steht nach wie vor.

Mit der schon erschwerten Ausgangslage Kap Verdes im Sahel-Gürtel und wenigen bzw. unregelmäßigen Regenfällen sind die Inseln von Versteppung, Erosion und Dezimierung der ohnehin nicht artenreichen Tierwelt bedroht. Vor der Besiedelung der Portugiesen mit Afrikanischen Sklaven um 1460 hatte die Inselgruppe noch einen reichen Waldbestand, der durch die Kolonialmacht fast gänzlich abgeholzt wurde. 1975 – dem Jahr der Unabhängigkeit Kap Verdes - waren nur mehr 1% der Gesamtfläche mit Wald bedeckt. Dank eines umfangreichen Aufforstungsprogramm waren 1991 bereits 16 % der Gesamtfläche wiederaufgeforstet. Weitere 2 Millionen Bäume wurden danach mit Unterstützung der EU gesetzt. Dass größte Problem der Inseln, die Wasserversorgung, soll durch die Aufforstung erleichtert werden.

Dass sich die Menschen früher – und auch mittlerweile verbotenerweise - heute am Sand des Strandes für den Hausbau bedienen ist angesichts der angespannten finanziellen Situation der meisten Familien nachvollziehbar, aber ökologisch gesehen mehr als bedenklich. Viele Strände (vor allem die seltenen schwarzen) sind so schon verschwunden, und den Berichten Einheimischer zufolge, ist der Strand Tarrafals in den letzten 20 Jahren um ein Drittel geschrumpft. Sand ist nicht nur zum Burgen bauen super, ein Sandkorn ist ein kleiner Mikrokosmos besiedelt von Bakterien und Algen. Einige der Bakterien sind von besonderem Wert für die Selbstreinigungskraft des Meeres und des Strandes. Von den anderen bald obdachlosen Bewohnern oder Nutzern wie Schildkröten und Krabben will ich gar nicht erst anfangen. Trotzdem, oft zeugen verräterische Löcher im Sand von den nächtlichen Aktivitäten Einheimischer.

Nach der turbulent tragischen Geschichte der jungen Republik, von Entdeckung der Portugiesen und Besiedelung mit afrikanischen Sklaven über die Salazar Diktatur und dem damit verbundenen 11 jährigen Unabhängigkeitsguerillakampfes, der Unabhängigkeit 1975 dem darauf folgenden 6 Jahre währenden linksnationalen Einparteienstaat, danach ein Putsch, Verfassungsänderung und die langsame Demokratisierung und – als wär das nicht schon genug – die absolute Mehrheit der neoliberalen, marktwirtschaftsorientierten MPD bei den ersten demokratisch freien Wahlen 1991. In nur zehn Jahren hat es diese Partei mit Antònio M. Monteiro an der Spitze geschafft, alle ökonomisch wichtigen Betriebe an Portugal zu verscherbeln. Es gab zwar Ausschreibungen, aber die Stimmen die über Korruption und Schiebung flüstern werden nicht leiser! Es befinden sich nun nach wie vor die Festnetztelefongesellschaft (mit Monopolstellung und einem Vertrag mit absurd langer Laufzeit), das Energiewerk, die Ölversorgung sowie die Bank fest in portugiesischer Hand. Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber ich nenn das moderne Kolonialisierung.

Quellen: u.a. ÖFSE Länderprofil Kap Verde (2003) Umwelt und ihre Gefährdung – Basisdaten; Prescott-Allen, The wellbeing of Nations, 2001; UNDP, Human Development Report 2000, New York; Forschungsarbeiten zur Lückenfauna von der Außenstelle des Alfred-Wegener-Instituts in List; www.wikipedia.de; www.auswärtiges-amt.de; Munzinger-Archiv/IH-Länder aktuell: Kap Verde 2001

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Mittwoch, Oktober 10, 2007

Vorteile der Emigration? (Von Petra Saßmann)

Kap Verde, ein afrikanischer Inselstaat mit neun bewohnten Inseln in Westafrika und mitten im Zentralatlantik - mit 4.033 km² - ein bisschen größer als das Burgenland (mit fast der doppelten Bevölkerung) präsentiert sich der Touristin als verschlafenes Paradies. Informiert sich frau ein wenig näher, stellt sie fest dass zu den etwa 400.000 EinwohnerInnen noch etwa 700.000 im Ausland lebende KapverdianerInnen dazu kommen, es stellt sich ihr unmittelbar die Frage nach der Ursache.

Kap Verde ist eine pluralistische parlamentarische Republik und im HDI (Human Development Index) an 106. Stelle von 177 Ländern, gar nicht so schlecht. Die Kindersterblichkeit ist vergleichsweise gering, die Lebenserwartung hoch, und auch die allernotwendigste Infrastruktur ist flächendeckend vorhanden, die Alphabetisierungsraten sind nahezu vorbildhaft, Presse- und Meinungsfreiheit funktionieren in der Praxis, Grund- und Freiheitsrechte sind bereits in der ersten Verfassung festgelegt und im Jahresbericht von Amnesty International findet sich kein Eintrag zu Kap Verde. Afrika light. Immerhin ist für 2008 der Aufstieg des Landes aus der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder vorgesehen.

Nachdem die Geschichte der KapverdianerInnen von mehrfachen Einwanderungswellen aus Portugal und Madeira, starkem wirtschaftlichem Einfluss Englands und Portugals und enormen Emigrationswellen nach wiederholten Hungerkatastrophen geprägt ist, verwundert es heute niemanden dass sich die Jugend - als wäre es schon zur Tradition geworden - sehnlichst wünscht, die Inseln so schnell wie möglich zu verlassen. Und das sind in diesem Fall drei Viertel der Bevölkerung. Zum einen ist der Wunsch das Land zu verlassen allgegenwärtig und auch verständlich, denn neben quasi nicht existenten Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es für qualifiziertes Personal auch kaum Arbeitsplätze, und zum andern gibt es eine große Abhängigkeit vom Geld das von der fernen Verwandtschaft kommt. Immerhin verfügt Kap Verde über das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Westafrika, dies entspringt aber keiner selbsttragenden Entwicklung, sondern basiert zum größten Teil auf Entwicklungshilfe-Schenkungen und Devisenüberweisungen aller Auslands KapverdierInnen.

Und so wachsen die Kinder hier schon mit dem festen Wunsch auf im Ausland zu studieren oder zu arbeiten. Etwa zwei Drittel der Familienverbände bekommen Geld von Angehörigen im Ausland, diese Überweisungen tragen zu gut 20 % zum Nationalprodukt bei. Das Durchschnittsalter liegt bei 17 Jahren, fast 52 % der Bevölkerung ist weiblich und die Hälfte der EinwohnerInnen konzentriert sich auf Santiago, die Hauptinsel mit der Hauptstadt Praia. Zur Landflucht kommt also die stete Emigration, die extrem junge Bevölkerung und der „Männermangel“ (wenn es so was überhaupt gibt), über bleiben die zum größten Teil alleinerziehenden Frauen, die nicht nur den Haushalt mit im Schnitt 4 Kindern zu bewältigen haben, sondern auch die tragende Säule für das Einkommen darstellen.

Eine LehrerIn verdient im Schnitt 400 Euro pro Monat, doch die Lebenshaltungskosten sind nahezu auf europäischem Standard. Wenn sich das tägliche Leben nicht mehr finanzieren lässt wird eben ausgeborgt, angeschrieben und umgeschuldet. Mietrückstände von bis zu einem Jahr sind keine Seltenheit.

Nach der turbulent tragischen Geschichte der jungen Republik, von Entdeckung der Portugiesen und Besiedelung mit afrikanischen Sklaven über die Salazar Diktatur und dem damit verbundenen 11 jährigen Unabhängigkeitsguerillakampfes, der Unabhängigkeit 1975 dem darauf folgenden 6 Jahre währenden linksnationalen Einparteienstaat, danach ein Putsch, Verfassungsänderung und die langsame Demokratisierung und – als wär das nicht schon genug – die absolute Mehrheit der neoliberalen, marktwirtschaftsorientierten MPD bei den ersten demokratisch freien Wahlen 1991. In nur zehn Jahren hat es diese Partei mit Antònio M. Monteiro an der Spitze geschafft, alle ökonomisch wichtigen Betriebe an Portugal zu verscherbeln. Es gab zwar Ausschreibungen, aber die Stimmen die über Korruption und Schiebung flüstern werden nicht leiser! Es befinden sich nun nach wie vor die Festnetztelefongesellschaft (mit Monopolstellung und einem Vertrag mit absurd langer Laufzeit), das Energiewerk, die Ölversorgung sowie die Bank fest in portugiesischer Hand. Also, ich nenn das moderne Kolonialisierung.

Die zehnjährige bürgerliche Herrschaft hat dem Staat zwar gute makroökonomische Daten, und einer kleinen Elite Vermögen gebracht, aber der Lebensstandard hat sich in der breiten Masse kaum verbessert. Dazu kommt die unzureichende Beschäftigungspolitik, die hohe Arbeitslosenrate, sowie Massenmigration in die Hauptstadt, steigende Staatsverschuldung und zu guter Letzt, die überproportionale Steigerung der Lebenshaltungskosten.

Es gibt zwar Pressefreiheit, aber die diversen Medien werden von den jeweiligen Parteien betrieben, und wie Parteien filtern können wissen wir! Die sozialdemokratische Regierung (dem neuen Profil der ehemals sozialistischen PAICV, die seit 2001 mit Pedro de Verona Rodriques Pires an der Spitze mit absoluter Mehrheit regiert) hat die schwere Aufgabe, aus diesem Trümmerhaufen eine funktionierende Republik zu basteln – Hauptziele sind und waren die Armutsbekämpfung und die Steigerung der Effizienz von Staat und Wirtschaft.

Es drängt sich mir die Frage auf wie sehr eine Regierung wirklich an der Aus- und Weiterbildung der jungen Leute Interesse hat, die so abhängig von den Devisen der EmigrantInnen ist! Und wie kommt’s dass die LehrerInnen in der Schule den Kindern wiederholt die Vorteile von Emigration aufzählen? Und warum gibt es noch immer keine öffentliche Universität (obwohl Vorbereitungen dafür schon seit Langem laufen), nicht zu sprechen vom Mangel an Lehrkräften, dem Fehlen von Qualifizierungsmaßnahmen für LehrerInnenausbildnerInnen sowie SchulleiterInnen und den Defiziten in der personellen und materiellen Ausstattung der dezentralen Schulverwaltungen als auch der Nichtexistenz eines tragfähigen pädagogischen Konzeptes für den Vorschulbereich? Und das alles obwohl die Regierung etwa 20% des Budgets für Bildung auszugeben vorgibt? Mit dem quantitativen Ausbau des Bildungswesens hat die Qualität der Grundbildung somit nicht mal ansatzweise Schritt gehalten. Dieser Entwicklung wollen wir mit unserer Arbeit hier entgegen wirken.

Ich absolviere mein Langzeitpraktikum (Ausbildung: Sozialarbeit im städtischen Raum) bei einer NGO Namens Delta Cultura in Tarrafal auf der Insel Santiago, Kap Verde. Es handelt sich hierbei um ein Kinder- und Jugendzentrum mit Fußballschule und diversen Ausbildungs- und Beratungsangeboten (Schreinerei, Töpferei, Schneiderei, EDV- und Englischkurs, Soforthilfe...) gegründet von Florian Wegenstein und seiner Frau Marisa. Im Moment bemühen wir uns um weitere Förderungen bzw. SponsorInnen, die uns helfen unsere Bildungsarbeit hier weiterhin erfolgreich machen zu können bzw. die anstehenden Betriebskosten zu finanzieren.

Unsere Bankverbindung in Österreich: Delta Culture - Verein für interkulturelle Kommunikation
BAWAG, Kontonummer: 03010 - 666 – 936, Bankleitzahl: 14000, BIC: BAWAATWW
IBAN: AT121400003010666936 Homepage: http://deltacultura.org/at/

(Quellen: www.wikipedia.de, www.auswärtiges-amt.de, Munzinger-Archiv/IH-Länder aktuell: Kap Verde 2001, ÖFSE Länderprofil Kap Verde (2003), BMZ spezial Nr. 11 / Entwicklungszusammenarbeit im Bereich der Grundbildung herausgegeben anlässlich des Welt-Bildungs-Forums in Dakar vom 26. -28. April 2000, Referat 413, Herausgegeben vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Presse und Öffentlichkeitsarbeit)

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Donnerstag, Juni 12, 2003

Hochgesteckte Ziele

Die UNO hat im Jahr 2000 Zahlen veröffentlicht die uns zu denken geben könnten ...

* Mehr als eine Milliarde Menschen lebt in extremer Armut
* Jeder 5. Mensch auf der Welt muss mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen.
* Mehr als 700 Millionen Menschen sind unterernährt und hungern.
* 115 Millionen Kinder lernen weder lesen noch schreiben.
* Mehr als eine Milliarde Menschen haben kein sauberes Trinkwasser.
* Mehr als zwei Milliarden Menschen haben keine Sanitäranlagen.
* 80% aller Krankheiten in Entwicklungsländern werden durch verschmutztes Wasser verursacht.
* Mehr als 2 Millionen Menschen sterben dadurch im Jahr an vermeidbaren Krankheiten.

Die UNO hat sich im Jahr 2000 ihre Millenniumsziele für den Entwicklungshilfebereich gesteckt. Ein Auszug davon:

* Zwischen 1990 und 2015 soll die Anzahl der Menschen die mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen müssen halbiert werden.
* Zwischen 1990 und 2015 soll die Anzahl der Menschen die hungern müssen halbiert werden.
* Bis 2015 soll sichergestellt sein, dass alle Kinder dieser Welt, egal ob Buben oder Mädchen eine Grundschulausbildung erhalten.
* Bis 2015 soll die Anzahl der Menschen die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen haben halbiert werden.

Die Welt, wie sie sich demnach die UNO im Jahr 2015 wünscht:

* Mehr als 500 Millionen Menschen leben in extremer Armut
* Jeder 10. Mensch auf der Welt muss mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen.
* Mehr als 350 Millionen Menschen sind unterernährt und hungern.
* Alle Kinder lernen lesen und schreiben.
* Mehr als 500 Millionen Menschen haben kein sauberes Trinkwasser.
* Mehr als eine Milliarde Menschen haben keine Sanitäranlagen.
* 40% aller Krankheiten in Entwicklungsländern werden durch verschmutztes Wasser verursacht.
* Mehr als 1 Millionen Menschen sterben dadurch im Jahr an vermeidbaren Krankheiten.

Die österreichische Entwicklungszusammenarbeit stellt 350.000 € zur Verfügung um diese Ziele einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen!

Titel: "Die Millennium Entwicklungsziele – 8 Ziele für die Welt“

Dazu eine kleine Geschichte

Grossvater hat es in seinem Leben zu was gebracht: Reihenhaus mit Swimmingpool, Auto mit GPS, Bankkonto mit Millionen Reserven, 4 mal verheiratet und 7 Kinder.

Aus der ersten Ehe stammt seine älteste Tochter, Karin. Diese ist vor Jahren schon in ein fernes Land ausgewandert und hat ihren Papa zum stolzen 6 fachen Grossvater gemacht.

Gestern hat Grossvater nach langer langer Zeit wieder einmal einen Brief von seiner Tochter erhalten. Ein Hilferuf. Karin ist seit Monaten krank, kann sich nicht mehr um ihre Kinder und den Haushalt kümmern. Die Enkel sind bereits unterernährt, alle zusammen seien sie zu schwach um Wasser aus dem weit entfernten Brunnen zu holen. Das Haus verdreckt zusehends.

Grossvater ist geschockt. Will sofort, grosszügig und nachhaltig helfen.

Der Antwortbrief ist schon abgeschickt:

Liebste Karin,

Mit Entsetzen habe ich deinen Brief gelesen. Du musst sofort was tun! Du weißt ich helfe dir wo ich nur kann, aber bitte vergiss nicht, dass ich auch nicht unbegrenzt Reserven habe. Trotzdem muss es uns gemeinsam gelingen zumindest 3 deiner lieben Kinder, die mir wirklich alle sehr abgehen – lass sie mir ganz herzlich grüssen - durchzubringen.

Aber nicht nur das, ich finde wir sollten auch einen Plan machen wie wir von den 3 Überlebenden – bitte such du dir doch aus welche das sein sollen, wobei ich doch finde das Paul am ehesten das Zeug dazu hat einmal etwas Richtiges zu werden – also wie wir es anstellen und organisieren können dass von den Dreien wenigstens einer auch sein 20. Lebensjahr erreicht. Das muss einfach möglich sein und – verzage nicht – es wird uns gelingen, glaube mir!

Anbei schicke ich einmal eine Soforthilfe von 50 €. Gleichzeitig plane ich aber auch in einem grossen Zeitungsinserat unseren Plan zur Errettung von Paul (jetzt habe ich mich eigentlich schon fast entschieden, du solltest wirklich ihn retten. Vertraue mir, er ist ein G'scheiterl) zu schalten. Je mehr Leute von deinem Schicksal wissen, je grösser sind unsere Chancen ihn vor dem drohenden Verhungern zu bewahren. Vielleicht finden sich auf das Zeitungsinserat hin ja ein oder zwei grosszügige Spender! Und wenn wir dann den Josef auch noch durchbringen ... na, uns kann es ja nur recht sein.

Und mach dir keine Sorgen: die Kosten für das Inserat übernehme ich selbstverständlich!

Herzlichst dein,

Grosspapa

Aber diese Geschichte ist an den Haaren herbeigezogen und hat sich so mit Bestimmtheit nie abgespielt ...

Gedanken und Erfahrungen zur Entwicklungszusammenarbeit

(von Florian Wegenstein)
Mein Ausgangspunkt (als Antwort auf die Frage ‚wie kommt denn der dazu so etwas zu schreiben?’):

Ich bin im November 2002 nach Tarrafal/Cabo Verde gekommen. Ich bin hier verheiratet und habe eine Tochter. Im Dezember des selben Jahres habe ich eine Fussballschule für Kinder gegründet. Wir, Zé – der Bruder meiner Frau – und ich, trainieren seit dem über 150 Buben und Mädchen. 8 Gruppen, je zweimal die Woche und regelmässig Spiele an den Wochenenden.

Ich habe mich seit dem Entstehen der Idee zur Gründung dieser Fussballschule mit Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt. Ich habe mit sehr vielen Leuten gesprochen und war bei sehr vielen Organisationen vorstellig: Österreichische Entwicklungszusammenarbeit (Cabo Verde ist eines ihrer Schwerpunktländer), UEFA, VIDC, Fairplay, FADOC (caboverdeanische Plattform für NRO’s) ... usw.

Hier vor ort bin ich regelmässig in Kontakt mit einem deutschen Entwicklungshelfer der seit 5 Jahren für die Gemeinde Tarrafal arbeitet, sowie dem Leiter der luxemburgischen Entwicklungszusammenarbeit in Praia. Ich kenne inzwischen sehr viele Projekte weltweit: Projekte der Weltbank, von verschiedenen privaten Organisationen, von staatlichen Einrichtungen, usw.

Ich habe mich als Laie auf dieses Terrain gewagt ... und den Eindruck den ich heute von Entwicklungszusammenarbeit habe, lässt sich in ein paar Sätzen so sagen:

Entwicklungszusammenarbeit ist heute nicht mehr und nicht weniger als ein weiterer Wirtschaftszweig. Wenn nicht irgendwer der es gar nicht braucht ordentlich dabei verdient wird überhaupt niemandem geholfen.

Und das ist natürlich eine ganz unzulässige Verallgemeinerung ... die ich aber trotzdem so stehen lasse! Jeder den ich damit ungerechtfertigt angreife möge es mir verzeihen ... ich weiss aber, dass viele von denen die ich damit ungerechtfertigt angreife mir in dieser Aussage zustimmen.

Ich will ein paar Beispiele geben (ohne Namen zu nennen):

- Ein Dorf bekommt ein Kanalsystem mit Kläranlage finanziert. Um diese Kläranlage zu bedienen braucht es ausgebildete Arbeitskräfte. Es ist Teil dieses Projekts diese Arbeitskräfte zu schulen. Nur werden diese aller Voraussicht nach mit dieser Ausbildung im Ausland ein vielfaches verdienen und diese Chance auch nützen. Anscheinend ist das bekannt, darum wird sicherheitshalber vom ersten Auffangbecken dieser Kläranlage ein direkter Abfluss ins Meer gelegt ... wo sonst soll das Wasser hin sollte es einmal technische Schwierigkeiten geben???!!!

- Ein kleines abgelegenes Dorf am Meer soll unterstützt werden. Um die dafür vorgesehenen Gelder auch sinnvoll einzusetzen wird eine Schweizer Consultingfirma mit einer Studie beauftragt wie man den Menschen dieses Dorfes am Besten helfen kann. Eventuell ist bei dieser Studie herausgekommen: mit Fischerbooten, Fischerei- und Landwirtschaftszubehör ...

- Ein Land, in dem der Wind nur so weht, bekommt Windräder geschenkt ... wie üblich muss dieses Land nur die Transportkosten übernehmen. Leider stellt sich aber heraus, dass die Technik dieser Windräder nicht für in diesem Land übliche Windstärken geeignet ist. Jetzt rosten sie, die edlen Spender haben sich Verschrottungskosten gespart und die Transportfirma kann sich ja auch nicht um alles kümmern.

- Ein europäischer Sportverband fördert jeweils zwei Jahre lang ‚seinen’ Sport in einem ‚Drittweltland’. Mit dem Geld soll auch der Nachwuchs gefördert werden. Ich kenne das Land das die vergangenen zwei Jahre gefördert wurde und ich weiss, dass keine der dortigen Sportschulen auch nur irgendwas für die Förderung des Nachwuchses bekommen hat. Aber der europäische Sportverband macht sich da keine Sorgen. Er hat das Geld ganz ‚sicher’ investiert: es läuft über den afrikanischen Sportverband und den nationalen Sportverband ... da kommt sicher jeder gespendete Euro genau dort an wo er hingehört!

- Der Präsident eines Fussballvereins in Cabo Verde findet man müsse in die Jugend investieren. Er sucht um Förderung für eine Fussballschule an. Er bekommt umgerechnet 4000 €. Damit kauft er 10 Bälle und eine Fussballpumpe und ‚spendet’ das gesamte Material einer bereits bestehenden Fussballschule. Den Rest des Geldes braucht er für private Zwecke. Der Arme muss ja auch von was leben ...

Das sind Beispiele wie ich noch einige mehr kenne. Aber Gott sei Dank sind es ja ‚nur Beispiele’. ‚Schwarze Schafe gibt es überall!’ ‚Wo Menschen am Werk sind gibt es auch Korruption!’ Und ganz gewiss besteht auch die Möglichkeit unzählige Beispiele aufzulisten in denen geholfen wurde und wird. Das will und kann ich nicht abstreiten!

Ich höre immer wieder von Summen die in die verschiedenen Projekte fliessen, von Summen die gespendet werden und ich frage mich ernsthaft wieso es dann noch soviel Hunger auf der Welt gibt. Wieso noch immer so ein Ungleichgewicht zwischen ‚Nord’ und ‚Süd’ herrscht.

Vielleicht weil mit diesen Geldern unzählige Arbeitsplätze geschaffen werden die den verhungernden Kindern nicht im entferntesten auch nur zu einem Reiskorn verhelfen. Vielleicht weil mit diesen Geldern Studien in Auftrag gegeben werden, deren Ergebnisse auch kostenlos von österreichischen Volksschülern erarbeitet werden könnten. Vielleicht weil sich immer noch nicht herumgesprochen hat, dass auch ein hoher UNO- EU- oder sonstiger Beamte auf eigene Kosten den Führerschein machen könnte um sich den Chauffeur zu ersparen. Vielleicht weil Bürokratie, die immer unsinnig Geld verschlingt, in einem Bereich in dem es darum geht Menschleben zu retten, Kindern eine Zukunft zu schenken ... noch unangebrachter ist als sie es auch sonst schon ist. Vielleicht weil der Verwaltungsaufwand dieser Gelder viel zu aufgeblasen ist. Vielleicht weil das Wirtschaftsdenken einfach alles, wirklich alles, überlagert.

Viele ‚vielleichts’ ... von denen ich eigentlich überzeugt bin, dass sie ‚ganz sicher’ sind. Genauso wie ich davon überzeugt bin, dass viele Gelder sinnvoller eingesetzt wären, wenn man sie wirklichen Fachleuten überlässt. Und ich meine mit ‚Fachleuten’ nicht Profis (das ginge ja schon wieder in Richtung ‚Profit’) sondern Amateure (amare = lieben). Ich zähle mich ganz ungeniert zu diesen Leuten. Ich lebe in Cabo Verde weil ich das Land und die Menschen liebe. Ich sehe und erlebe täglich wo es fehlt. Ich getraue mich zu sagen, dass ich das besser beurteilen kann als ein studierter Fachmann der für zwei Wochen nach Cabo Verde kommt um das heraus zu finden.

Ich möchte an dieser Stelle jemanden zitieren dessen Einwilligung ich nicht habe ihn namentlich zu nennen. Aber - soviel sei verraten - es ist jemand der jahrelang in einer offiziellen Entwicklungshilfestelle in Cabo Verde gearbeitet hat:

„Ich lebe jetzt schon zwei Jahre hier, aber ich habe immer noch nicht das Gefühl die Caboverdeaner zu kennen. Einfach weil alle mit denen ich Kontakt habe, wissen wer ich bin und mir so begegnen wie sie glauben mir begegnen zu müssen um ‚gefördert’ zu werden.“

Das spricht das Problem von vielen Projekten an und wäre ein sinnvoller Ansatzpunkt für verbesserte Hilfeleistungen. Das scheint sich allerdings noch nicht wirklich herumgesprochen zu haben. Ich weiss von einem Land, dass sich auf der Suche nach einer LeiterIn für das Entwicklungshilfebüro in Cabo Verde befindet. In der offiziellen Ausschreibung dieses Postens wird ‚Deutsch und Englisch in Wort und Schrift’ verlangt. ‚Portugiesische wäre von Vorteil ...’ Kreol, die Sprache der Einheimischen wird nicht einmal erwähnt! Aber die unbedingt notwendige EU-Staatsbürgerschaft!

Ich kann nicht umhin mich zu fragen um was es denn da geht?! Also doch sicher nicht darum, die Stelle mit einer geeigneten Person zu besetzen um den Menschen des Landes WIRKLICH helfen zu können. Was sagt den ein Reisepass über die Qualität eines Menschen aus? Wieso ist dieser – in diesem Fall wirklich vollkommen unbedeutende - Herkunftsnachweis wichtiger als die Beherrschung der Sprache derjeniger denen man helfen will?

Darauf kann es keine Antwort geben. Nur den Hinweis auf herrschende Gesetze.

Also worum geht es denn dann sonst in der Entwicklungshilfe? Geht es um Menschen? Menschen die verhungern? Menschen die keine Gesundheitsversorgung haben? Menschen die keine Zukunft haben? Vergessene Menschen?

Worum geht es denn eigentlich? Ist das alles ein Spiel bei dem es nun mal leider mehr Verlierer als Sieger gibt?

Reicht es nicht zu sagen: es geht um Menschen! Reicht das nicht um zu vergessen, dass es Reispässe und sonstige hinderliche Verirrungen gibt?

Nein, es scheint nicht zu reichen! Und – es ist wohl unverkennbar – das treibt mich zur Verzweiflung, macht mich wütend, traurig, raubt mir Kraft, gibt mir Kraft, lässt mich Gefahr laufen zu verallgemeinern, bösartig zu argumentieren, ausfallend zu werden ...

Einzige Rechtfertigung die ich dafür habe ist die, dass ich täglich damit konfrontiert bin. Täglich mit Kindern zusammen bin die nur so sprühen vor Freude und Begeisterung, deren Zukunftsaussichten gleich null sind, deren Gesundheitsversorgung mehr als spärlich ist ...

Vielleicht muss ‚man’ das einmal eine zeitlang erleben damit ‚Reisepässe’ und ‚Wirtschaft’ ihre Bedeutung verlieren. Vielleicht vergisst man in dem Wirbel um Gesetze, Richtlinien, Wirtschaftlichkeit, Wiederwahl ... vielleicht vergisst man dabei:

ES GEHT UM MENSCHEN!!!!